Le jour de gloire?

Echenoz, 14Das Buch „14“ von Jean Echenoz beginnt an einem schönen Augustnachmittag in Frankreich, in der Vendée. Gemeinsam mit Anthime, einer der Hauptpersonen der Geschichte, stehen wir auf einem Hügel und erleben, wie gleichzeitig in allen Dörfen ringsum die Kirchturmglocken zu läuten beginnen. Es ist August 1914 und die Glocken verkünden das Signal zur Mobilmachung. Anthime marschiert zusammen mit Charles, Padioleau, Bossis und Arcenel von der Kaserne an die Front. Fünf Männer, von denen nur zwei zurückkommen werden. Der eine blind, der andere einarmig.

Das Buch einen Roman zu nennen, mutet ein wenig euphemistisch an. Es sind lediglich 125 Seiten zu lesen, aber die sind von einer sprachlichen Eleganz, die seinesgleichen sucht. In diesen 125 Seiten steckt die gesamte Tragik des Ersten Weltkriegs und der Leser wird Zeuge von anfänglicher Begeisterung, schrecklichen Erlebnissen im Schützengraben, menschlichen Dramen, zerbrochenen Leben, zerstörten Seelen und der Sinnlosigkeit des Krieges. Das alles erzählt Echenoz mit leichter Hand und dabei so tiefgründig, dass die Bilder im Kopf bleiben. So etwa, als nach der Abfahrt der Soldaten wieder Ruhe in der Stadt einkehrt: Ein paar verloren gegangene Gegenstände sind ins Fundbüro gewandert, ein Gehstock, zwei zerrissene Halstücher, drei verbeulte Hüte, die im patriotischen Taumel gen Himmel geschleudert wurden und deren legitime Träger man nicht mehr hat finden können.

Dann lernen wir Blanche kennen, Tochter des Schuhfabrikanten, die auf die Rückkehr von einem der Fünf ganz besonders wartet, denn er ist der Vater des Kindes, das in ihrem Leib heranwächst. Sie spaziert durch die Stadt, in er es deutlich ruhiger geworden ist, die meisten der Männer sind im Krieg. Der zu Beginn noch mit klingendem Spiel ausgetragen wird, als die Soldaten mit Unterstützung der  Regimentskapelle und der Marseillaise zum Angriff vorstürmen. Le jour de gloire est arrivée. Doch während das Orchester seinen Teil zum Kampfgeschehen beitrug, erhielt der Arm des Baritonhorns einen Durchschuss und die Posaune fiel, übel verwundet. Der Halbkreis rückte darüber zusammen und die Musiker spielten, wenn auch in verminderter Formation, ohne jede falsche Note weiter, und als sie dann die Zeile wiederholten, in der das blutige Banner erhoben wird, fielen Flöte und Althorn tot zu Boden. 

Die Leichtigkeit des Tonfalls steht im krassen Gegensatz zu den geschilderten Geschehnissen, ein Kunstgriff, der deren Brutalität noch unterstreicht. Ein paar Seiten weiter und ein Jahr später hat der Krieg ein noch grausameres Gesicht angenommen: Man klammert sich an sein Gewehr, an sein Messer, dessen von den Gasen stumpf gewordenes, gebräuntes, oxidiertes Metall im kalten Licht der Leuchtraketen kaum mehr glitzert, in der von faulenden Pferden, von verwesenden Menschen verpesteten Luft, und diejenigen, die sich in all dem Schlamm noch halbwegs gerade auf den Beinen halten können, stinken nach Pisse und Scheiße und Schweiß, nach Schmutz und Erbrochenem, ganz zu schweigen von der alles erfüllenden ranzigen, schimmligen, abgestandenen Ausdünstung, obwohl sich die Front doch eigentlich an der frischen Luft befindet. So hatte sich den Tag der Ehre, der gekommen ist, wohl niemand vorgestellt.

Wer bleibt übrig von den Fünfen, wer kehrt zurück? Was geschieht mit Blanche, die dann Mutter sein wird? Nach den neunzig Minuten, die man braucht, um „14“ zu lesen, sind die Fragen beantwortet.

Ein kurzes Buch. Aber ein stilistisches Kunstwerk mit einer bildhaften Sprache, die noch lange nachhalt. Wie ein Echo.

Dies ist ein Titel aus dem Leseprojekt Erster Weltkrieg.

Buchinformation
Jean Echenoz, 14
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel

Hanser Berlin
ISBN 978-3-446-24500-6

2 Kommentare

  1. Der Empfehlungsfunke ist übergesprungen und angesichts der doch bescheidenen Länge kann man es sich vormerken für den nächsten Kaffeehausbesuch. Dem leider noch immer und wohl auch ewig aktuellem Thema „Krieg“, das viele von uns – glücklicherweise – nur aus medialer Reportage und Hollywood Kolportage gedanklich zu fassen versuchen können, hat sich aktuell auch Paolo Giordano mit seinem Roman „Der menschliche Körper“ angenommen. Der Roman ist wunderbar, doch letztlich auch sehr trostlos und beklemmend und bleibt entsprechend unbeachtet im Vergleich zu seinem Bestseller „Die Einsamkeit der Primzahlen“. Ich empfand ihn aber in Hinblick der doch befremdenden Glorifizierung der Marines-Ausbildung im Film „Full Metall Jacket“ als recht wohltuende Ernüchterung für solche Kult-Bildungen: http://wp.me/p1xLua-2L. Herzlichen Dank für „Vorlesen“.

    • Vielen Dank für den Buchtipp. Ich hatte das Buch auch schon in der Hand, habe es dann aber weggelegt. Und zwar aus einem ganz banalen Grund: Das Buchcover gefiel mir nicht. Aber jetzt werde ich es mir noch einmal genauer anschauen….

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