Zwischen allen Stühlen

Jakob Arjouni: Happy Birthday, Türke! Illustriert von Philip Waechter

Kemal Kayankaya ist Privatdetektiv in Frankfurt. Er ist Türke. Er ist Deutscher. Er ist erfolglos. Er trinkt gerne. Und sitzt mit seiner großen Klappe meist zwischen allen Stühlen. Der 2013 überraschend und viel zu früh verstorbene Autor Jakob Arjouni hat mit ihm eine Art deutsch-türkischen Philip Marlowe geschaffen, der unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhält, in den wir nicht immer gerne sehen möchten. Und er hat mit der Kayankaya-Reihe Kriminalliteratur kreiert, die beiden Teilen dieses Wortes gerecht wird. Mit „Happy Birthday, Türke!“ fing alles an.

Es ist sein Geburtstag, Kayankaya sitzt verkatert und alleine in seinem Büro „im dritten Stock eines mittelgroßen, hellbraunen Betonhaufens“ und gönnt sich zur Feier des Tages eine klebrige Torte vom Bäcker gegenüber, als eine Türkin bei ihm auftaucht. Sie sucht einen Landsmann, der als Detektiv tätig ist und ihr helfen soll, den Mord an ihrem Ehemann aufzuklären, da ihrem Gefühl nach die Polizei kein großes Interesse daran zeigt. Nun trägt Kayankaya zwar einen türkischen Namen, ist von Geburt her Türke und sieht türkisch aus. Da er aber als Waisenkind bei einer deutschen Familie in einem gutbürgerlichen Umfeld aufgewachsen ist, spricht er kein Wort Türkisch. Durch diesen dramaturgischen Kunstgriff hat Jakob Arjouni mit Kemal Kayankaya einen Helden geschaffen, der nirgends richtig dazugehört, von allen Seiten misstrauisch beäugt wird und mit tagtäglichen Diskriminierungen zu tun hat, die er mit sarkastischem Humor an sich abperlen lässt – zumal er des Deutschen mächtiger ist als so mancher Hausmeister oder Trinkhallenbesucher.

Er nimmt den Fall an, ohne zu wissen, dass er damit in ein Wespennest sticht. Er wird drei Tage brauchen, bis er die Lösung gefunden hat. Drei Tage in einem Frankfurt, das unter der sommerlichen Hitze ächzt, das nach Hundescheiße und Urin stinkt. Ein Frankfurt mit all seinen Gegensätzen: Spießige Banker neben ausgemergelten Fixern, lallende Trinker in schwülstigen Sex-Clubs mit stiernackigen Rausschmeißern, bodenständige Arbeiter mit ihren rassistischen Witzen, hemdsärmelige Polizisten und türkische Gastarbeiterfamilien, die damals – der Roman spielt Anfang der 8oer-Jahre – im allgemeinen Sprachgebrauch noch so genannt werden.

Nach Ablauf der drei Tage wird er eine gebrochene Rippe haben, ziemlich übel zugerichtet worden sein, ziemlich viel geraucht und ziemlich viel Bier getrunken haben. Und ein Fall wird aufgeklärt sein, der tief hinein ins Drogenmilieu reicht – mit einer dicken Überraschung am Ende.

Jakob Arjouni schildert am Beispiel Frankfurts die Parallelgesellschaften unserer Städte als Hintergrundkulisse für Kemal Kayankayas Ermittlungen. Ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit viel schnoddrigem Humor zeigt er Missstände auf, die sich seit 1985, dem Erscheinungsjahr des Romans, nicht verbessert, sondern eher verschärft haben. Von daher ist es nur folgerichtig, dass „Happy Birthday, Türke!“ nun in der Büchergilde in einer neuen Ausgabe erscheint. Beeindruckend illustriert von Philip Waechter, der mit seinen sparsam gestalteten Graphiken die Atmosphäre der Einsamkeit Kayankayas und der Trostlosigkeit der Welt, in der er sich bewegt, gelungen eingefangen hat.

Ich habe die Kayankaya-Romane 1991 entdeckt. Aufmerksam wurde ich durch den Titel des zweiten Bandes, „Mehr Bier“, der mich angesprochen und neugierig gemacht hatte. Seitdem begleiten sie mich, wurden immer wieder einmal gelesen. Aber die Neuausgabe der Büchergilde fühlt sich mit ihrer gelungenen Gestaltung wie eine Neuentdeckung an, wie ein Wiedertreffen mit einem literarischen Helden, den ich schon seit 25 Jahren kenne.

Buchinformation
Jakob Arjouni, Happy Birthday, Türke!
Illustriert von Philip Waechter
Büchergilde Gutenberg Verlagsgesellschaft
ISBN 978-3-86406-075-5

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3 Kommentare

  1. Pingback: Jakob Arjouni: Happy birthday, Türke! – SchöneSeiten

  2. Danke für den Tipp!
    Ausbildungsbedingt werde ich in diesem Jahr zwei Monate in Frankfurt verbringen und „Happy Birthday, Türke!“ ist gerade auf meine Leseliste für diese Zeit gewandert – wenn ich schonmal die Gelegenheit habe, ein Buch dort zu lesen, wo es spielt, muss ich das nutzen 😉

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