Die Tramper-Zeit. Ein Textbaustein*

Kerouac, UnterwegsFrüher bin ich viel getrampt, allein oder mit Freunden und auf diese Weise durch halb Europa gekommen. Schon damals, Anfang bis Mitte der Neunziger war das eine etwas aus der Mode gekommene Fortbewegungsmethode, heute sieht man sie fast gar nicht mehr, die rucksacktragenden Gestalten am Wegesrand, die den Autofahrern Daumen oder Schilder mit Ortsnamen entgegenrecken.

Meistens bin ich gut voran gekommen. Es war  spannend, wer anhalten würde. Mal saß ich bei Leuten im Auto, die auf der ganzen Strecke kein Wort redeten, mal bei Kamikazefahrern, die mit 180 Stundenkilometern über die Landstraße rasten. Aber ganz oft lernte ich interessante Menschen kennen, die spannende Geschichten zu erzählen hatten. Es waren Geschichten über das Leben, das Reisen, Erinnerungen, es gab Diskussionen, Gelächter, auch schon mal ein Bier für unterwegs. Wobei im Nachhinein die Gefahr besteht, das Erlebte zu verklären. Denn natürlich war es nicht schön, unter Autobahnbrücken einen Regenschauer abzuwarten, die halbe Nacht frierend auf Autobahnraststätten zu verbringen oder nach drei Stunden immer noch fluchend an derselben Stelle zu stehen.

Es blieb nicht aus, irgendwann habe ich den Tramper-Roman schlechthin gelesen, „Unterwegs“ von Jack Kerouac. Es geht in diesem Buch nicht einfach nur um das Trampen, sondern um das Lebensgefühl des Unterwegsseins schlechthin. Rastlos. Ziellos. Und eine Stelle ist mir ganz besonders im Gedächtnis geblieben:

Nun beobachte einmal die da vorne. Sie haben Sorgen, sie zählen die Kilometer, sie machen sich Gedanken darüber, wo sie heute nacht schlafen werden, wieviel das Benzin kostet, über das Wetter, wie sie hinkommen werden – und dabei werden sie doch sowieso hinkommen. Aber sie müssen sich Sorgen machen und an der Zeit zu Verrätern werden mit falschen Dringlichkeiten und sonstwie, einfach in Angst und unter Jammern; ihre Seelen werden erst wirklich Frieden haben, wenn sie sich an eine anerkannte und gültige Sorge hängen können, und wenn sie die einmal gefunden haben, setzen sie eine Miene auf, die dem entspricht und dazu passt; und das ist, siehst du, Unglücklichsein, und die ganze Zeit über fliegt alles an ihnen vorbei, und sie wissen es und das bekümmert sie auch unendlich.

Dieser Text umschreibt wundervoll, was man bei dieser Art der Fortbewegung lernt: Gelassenheit. In dem 1991 veröffentlichten Film „The Doors“ steht zu Beginn Val Kilmer als Jim Morrison trampend an der Straße. Der rechte Daumen ist lässig erhoben, aber mit der linken Hand hält er ein Buch, in dem er gleichzeitig völlig versunken liest. Die Szene hat mich damals so stark beeindruckt, dass ich sie oft imitiert und dann ebenfalls in einem Buch lesend am Straßenrand auf eine Mitfahrgelegenheit gewartet habe.

Heute, über zwanzig Jahre später, ist meine Zeit des Trampens eine ferne Erinnerung und mit der Gelassenheit ist es im Alltag auch leichter gesagt als getan. Aber eines ist mir seitdem klar: Irgendwie geht es immer weiter.

Es hilft, das zu wissen. Ziemlich sogar.
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* In vielen Büchern habe ich Stellen angestrichen, die mir im Gedächtnis haften geblieben sind und die ich immer wieder lese. Solche Stellen begleiten mich seit Jahren, es sind die Textbausteine meiner Bücherwelt.

Buchinformation
Jack Kerouac, Unterwegs
Rowohlt Taschenbuch
ISBN 978-3-499-22225-2

12 Kommentare

  1. Wie schön, dass du diesen Textbaustein nochmal rausgekramt hast! Dieses Buch hat mir – auch mit Anfang 20 – so viel gegeben und vor allem meine Reiselust geweckt! Zwar bin ich nie getrampt (als junge Frau etwas zu riskant), dafür mit Mitfahrgelegenheiten durch das Land gebummelt. Ähnliche Situation, nur zertifiziert 😉 Jack Kerouac hat mich dabei immer begleitet.

  2. Klasse ist auch die letzte Seite in dem Buch: Wie schreibe ich moderne Prosa. Fast schon ein Manifest.
    Was das Trampen betrifft: den letzten hatte ich vor etwa einem Jahr mitgenommen. Nur zehn km weit. Kürzlich hab ich drei Jungs an der Autobahnauffahrt gesehen, nicht meine Richtung, aber ich hab sie in Facebook auf der Stadtgruppe annonciert. Weiß nicht, ob jemand sie mitgenommen hat.

  3. Eine Tramperin bin ich nie gewesen. Irgendwie fehlte mir dazu immer der Mut. Die paar Mal, wo ich mich zum Trampen hab hinreißen lassen, kann ich an der Hand abzählen. Meist waren es Situationen, in denen ich klitschnass mitten im Nirgendwo stand oder einfach mal wieder orientierungslos den Weg zurück nicht fand. Mit einem Schild in der Hand stand ich daher nie irgendwo, aber der Gedanke an mich mit einem Schild in der einen und einem Buch in der anderen Hand, mehr in das Buch vertieft als auf der Suche nach einem Autofahrer, der mich mitnehmen könnte, zaubert mir irgendwie ein Lächeln auf die Lippen. Strange Vorstellung. =)

    • Gute Frage…Bin aber fast immer mit dem Zug unterwegs. Und wenn ich es mir so überlege, dann weiß ich tatsächlich nicht, wann ich das letzte Mal einen Tramper gesehen habe. Muss ewig her sein.

  4. Lieber Herr Kalkowski,

    spontan herzlichen Dank für diesen Text! Seit einigen Wochen bin ich Gast auf Ihren Seiten und lese die Artikel immer wieder mit großem Interesse. Gratulation! Vor allem die Kombination mit den Fotos ist vorbildlich. Ich bin gespannt auf weitere Texte und Empfehlungen. Herzlichen Gruß: Winfried Schmidt

    • Lieber Herr Schmidt,
      vielen herzlichen Dank für dieses nette Feedback. Es freut mich sehr, dass Ihnen mein Blog gefällt.

  5. Wieder ein schöner Text. Und nachvollziehbar. „Irgendwie geht es immer weiter.“ Ich rufe dazu manchmal gernen einen Satz aus Murakamis „Tanz mit dem Schafsmann“ ins Gedächtnis. „Tanzen, immer weitertanzen“. Ich hatte den mit Ende 20 in Syrien gelesen, als ich noch nicht lange dort war – orientierungslos in der Welt, einsam in der Fremde, Regen tropfte durch das undichte Dach meines Zimmers. Später, zurück in Deutschland, schrieb ich den Satz auf die Tür meines Kleiderschrankes. Und vergaß ihn immer und immer wieder. Aber solange man ihn nicht vollends vergessen hat, ist nichts verloren.

    • Das ist ein großartiger Satz! Und es klingt nach einer ziemlich intensiven Erfahrung. Eine, die prägt.

    • An die gesamte Handlung des Buches kann ich mich auch nur noch bruchstückhaft erinnern. Aber den oben zitierten Textteil habe ich mir angestrichen, der hat mich damals ziemlich beeindruckt.

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