Gefangene der Geschichte

Ilija Trojanow: Macht und Widerstand

Was weiß ich über Bulgarien? Nicht wirklich viel, um ehrlich zu sein. Früher ein ärmlicher, grauer Ostblock-Staat, heute ein Land, das sich zwar offiziell eine Demokratie nennt, aber unter den Auswirkungen von Korruption und organisiertem Verbrechen leidet; so meine Wahrnehmung. Ein europäisches Land, und trotzdem viel weiter weg als manche Ziele in Übersee. Mit Ilija Trojanows Buch „Macht und Widerstand“ rückt Bulgarien plötzlich mitten hinein ins Bewusstsein – auch wenn man Trojanows Werk ebenso als eine allgemeingültige Parabel über das Leben und Überleben in einer Diktatur lesen kann.

Es ist dabei ein sehr persönliches Buch. Ilija Trojanow wurde 1965 in Sofia geboren, seine Familie floh mit ihm aus Bulgarien, als er sechs Jahre alt war. Der bulgarischen Nachkriegsgeschichte mit all ihren Schrecken, Ungerechtigkeiten, politischen Wirren und vor allem den Menschen, die darunter leiden mussten, hat er mit diesem Buch ein Denkmal gesetzt. Ein sehr authentisches Denkmal, dem – so kann man es dem Klappentext entnehmen – jahrelange Recherchen, Gespräche mit Zeitzeugen und die Verwendung originaler Dokumente der bulgarischen Staatssicherheit zugrunde liegen.

Um die Schicksale zweier Männer geht es in dem Roman. Zwei Schicksale, die unterschiedlicher nicht sein können und anhand derer das ganze Ausmaß der Unterdrückungsmaschinierie eines totalitären Staates deutlich wird.

Konstantin Scheitanow war und ist Zeit seines Lebens überzeugter Anarchist, der jegliche staatliche Bevormundung ablehnt. Dass er mit dieser Einstellung im stalinistisch ausgerichteten Nachkriegs-Bulgarien schnell Probleme bekommen hat, ist nicht verwunderlich. Aber auch nach der von Moskau verordneten Entstalinisierung Mitte der fünfziger Jahre bleibt er eine Art Staatsfeind Nummer eins. Wird überwacht, abgehört, verhaftet und verbringt viele Jahre seines Lebens im Gefängnis und in sogenannten Umerziehungslagern. Dort lernt er die ganze Härte staatlicher Verfolgung kennen, Prügel, Schlafentzug, Isolationshaft, Schmerzen, alle möglichen Arten der Folter. Um ihn zu brechen, um ein Exempel zu statuieren. Aber Scheitanow widersteht allem. Jahrelang. Seine Freunde, seine Kampfgenossen kapitulieren einer nach dem anderen, er bleibt sich treu.

Als 1990 der realsozialistische Spuk vorbei ist, fordert er Gerechtigkeit, verlangt Akteneinsicht, wird mit Belanglosigkeiten abgespeist, findet sein gesamtes Leben dokumentiert im Archiv der Staatssicherheit wieder. Sucht nach Belegen für die Anordnung der Folter, möchte wissen, wer ihn verraten, wer ihn bespitzelt hat. „Ich zähle auf: Die Monate in Untersuchungshaft, die Jahre im Gefängnis, im Lager, die Jahrzehnte unter Beobachtung von Agenten, von Denunzianten, die Anhaltspunkte, dass ich weiterhin überwacht werde. Irgendwo werden Akten über dieses halbe Jahrhundert aufbewahrt. In irgendwelchen Karteikästen befindet sich eine andere Version meines Lebens, eine Bürographie voller Unterstellungen, ein gut abgehangenes Fehlurteil. Wenn ich akzeptiere, dass meine Sicht der Dinge unsichtbar bleibt, wenn ich sterbe, bevor mein Widerspruch öffentlich vernommen wird, dann wird die Sicht der Täter unangefochten weiterherrschen. Für alle Ewigkeit.“

Deshalb sucht er. Durchforstet die Archive, forscht, fordert Akten an, stößt auf unsichtbare Wände, wird ausgebremst, macht immer weiter. Und ist irgendwann ganz alleine, ein alter Mann ohne Freunde. Denn entweder wurde er von ihnen verraten oder er ist für sie ein lebender Vorwurf, da er standhaft geblieben ist und sie nicht. In einer bescheidenen Wohnung im 14. Stock eines Plattenbaus lebt er umgeben von Notizen, Zeitungsstapeln und Photokopien, kistenweise, regalweise, stapelweise. „Je mehr Akten ich lese, desto mehr füllt sich das Gebäude meiner Vergangenheit mit Gerümpel, mit Andeutungen, Unterstellungen, Entlarvungen.“

Ganz anders Metodi Popow, der Gegenpol in diesem Bericht. Er stammt aus einfachen Verhältnissen, doch mit einer Mischung aus Bauernschläue und Skrupellosigkeit machte er Karriere bei der Staatssicherheit. Von einem gewöhnlichen Folterknecht bis ganz nach oben in der Hierarchie der Macht. Nach dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs und dem Zusammenbruch der Ostblockstaaten waren es Menschen wie er und seine Freunde, die auch das neue System, die sogenannte Demokratie, am Laufen hielten und halten, bis heute. Abgesichert durch alte Seilschaften und durch Kenntnisse dunkelster Geheimnisse wurden aus gefürchteten Geheimdienstlern einflussreiche biznesmänner. Denn „vergesst nie, Genossen, das Wichtigste, was ihr habt, ist die Macht. Haltet um jeden Preis an der Macht fest. Ohne sie seid ihr nichts.“

Aber Metodi Popow führt kein sorgloses Leben. Freunde ist wohl auch der falsche Ausdruck für seine ehemaligen Staatssicherheitskollegen. Jahrzehntelang belauerten sie sich alle gegenseitig, suchten die Schwächen der anderen auszumachen, um sie gnadenlos auszubooten beim stetigen Kampf um die Führungsspitze, um Macht, um Einfluss. Und um die Absicherung eines Lebens ohne materielle Not inmitten der sozialistischen Mangelwirtschaft. So ist es geblieben, jeder weiß über die anderen Dinge, die besser unausgesprochen bleiben, es ist eine knapp ausgewogene Balance im Machtgefüge der grauen Eminenzen des modernen Bulgariens.

Konstantin Scheitanow und Metodi Popow sind die beiden Antipoden, die uns mit ihren inneren Monologen durch den Roman führen. Beide sind sie Gefangene der Geschichte, deformierte Überlebende einer Diktatur; der eine ist durch jahrelange Misshandlungen zum körperlichen Wrack geworden, der andere durch seine Karriere quer durch alle Unterdrückungsinstanzen zum seelischen Krüppel. Sie kennen sich schon seit ihrer Kindheit und treffen im Laufe ihrer Leben immer wieder aufeinander, Scheitanow als Opfer, das nicht aufgibt, und Popow als Täter, der fest davon überzeugt ist, auf der richtigen Seite gestanden zu haben, als Menschen gefoltert und hingerichtet wurden.

Die beiden Erzählstränge, gegliedert durch authentische Abhör-Dokumente der Staatssicherheit, laufen trotz der geschilderten Querverbindungen die gesamte Handlung über nebeneinander her, so dass sich kein richtiger Spannungsbogen aufbauen kann. Dadurch bleibt der Roman etwas spröde, liest sich stellenweise beinahe zäh, was aber zum geschilderten aussichtslosen Kampf gegen Aktenberge passt. Und zum Kampf gegen das Vergessen, den keiner will, da jeder vom Neuanfang und vom Schlussstrich redet. Jeder, bis auf Konstantin Scheitanow: „Ich habe Schwäche als Entschuldigung nie akzeptiert. Für dich ist es einfach, sagten die Duckmäuser, du hast keine Kinder, keine Enkel. Ja, für mich ist es leicht, antwortete ich, ich musste nur die besten Jahre meines Lebens opfern, mich an den Schmerz gewöhnen, an Nächte ohne Schlaf, an ermordete Freunde, an das Malochen auf dem Bau. Ich musste mich verraten lassen von all jenen, denen das Leben so schwerfiel, dass sie klein beigaben. Die den Weg des geringsten Widerstands einschlugen, weil es für Widerstand Schläge gab…Ich nehme ihnen nicht die Schwäche übel, sondern die nachträgliche Rechtfertigung dieser Schwäche. Um nicht selbst im schlechten Licht zu erscheinen, sind sie bereit, alles Licht auszuschalten.“ 

„Du hast keine Überzeugung, wenn du nicht bereit bist, für sie zu sterben.“ Scheitanow ist ein Idealist, einer der mit all seiner Kraft gegen die herrschenden Verhältnisse kämpft, mit einer Kompromisslosigkeit, die ihn einsam gemacht hat. Damit hat er sein Leben ruiniert. Hat er es verschwendet? Haben ihm die Umstände eine andere Wahl gelassen? Er selbst beantwortet diese Fragen mit einem einzigen kurzen Satz, einem schlichten „Es hat sich gelohnt.“

Und wir? Wie würden wir uns verhalten? Es ist wichtig, darüber nachzudenken, in der Hoffnung niemals von solchen Repressalien betroffen zu sein, wie sie in Trojanows dokumentarischen Roman geschildert werden. Das ist aber ganz und gar keine Selbstverständlichkeit, so dass ich noch eine letzte Stelle aus dem Buch zitieren möchte; zwei Sätze, in Zeiten der Abhör- und Ausspähskandale und in einem Europa, das mehr und mehr von Lobbyisten gelenkt wird, wichtiger denn je: „Wo kein Kläger, da kein Richter heißt es. Wo kein Widerstand, da kein Recht, müsste es lauten.“

Buchinformation
Ilija Trojanow, Macht und Widerstand
S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-002463-3 

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Buchpreisblogger lang
Dieses Buch wurde für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert.
Die Buchpreisblogger haben das Auswahlverfahren begleitet.

3 Kommentare

  1. Habe das auch schon gelesen, mich aber noch nicht an eine Besprechung getraut (auch aus familiären Gründen).
    Ein Buch, dass ich vor Jahren mal gelesen habe, und welches über die Zustände in den Stasi-Gefängnissen berichtet, passt hier ganz gut zum Thema. Es ist mir bei der Lektüre wieder ins Gedächtnis gekommen: Timo Zilli – Folterzelle 36. Gibt es wohl nur noch gebraucht.
    Auch in diesem Zusammenhang sehr lohnenswert, wie ich finde: ein Besuch im ehemaligen Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen.

  2. „Wie würden wir uns verhalten?“ Ist für mich die entscheidende Frage bei Büchern, in denen es um solche Themen geht.
    Die Gegenüberstellung der beiden Menschen, die beide einsam enden finde ich interessant.

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