Die Mauer ist offen

Haus in einem anderen LandDieses Bild eines Hauses der Brunnenstraße in Berlin-Mitte zeigt eindrucksvoll, wie man 25 Jahre Geschichte mit einem einzigen Satz zusammenfassen kann. Es sind tatsächlich schon zweieinhalb Jahrzehnte vergangen, seit ich mit ein paar Freunden zusammen abends vor dem Fernseher saß und wir fassungslos sahen, wie die Menschen in Berlin auf der Mauer standen, jubelten, tanzten und der Strom der Trabbis gen Westteil der Stadt einsetzte. Es war unglaublich und wir ahnten, wussten, dass wir gerade Zeugen eines historischen Umbruchs wurden.

Und gleichzeitig waren Berlin und die DDR unendlich weit weg. In Südwestdeutschland, wo ich aufgewachsen bin, fühlten wir uns dem Tessin, Norditalien oder Südfrankreich deutlich näher als Ostdeutschland. 1989 war ich zwanzig, der Zivildienst hatte gerade begonnen und Berlin kannte man von der letzten Klassenfahrt her, eine Stadt grau in grau mit dieser seltsam bedrohlichen Mauer in der Mitte und sehr unangenehmen Grenzkontrollen bei An- und Abreise. Einer meiner Mitschüler hatte nach der 10. Klasse die Schule abgebrochen, sich nach Berlin abgesetzt und lebte dort in einem besetzten Haus irgendwo in Kreuzberg. Ich habe keine Ahnung, was aus ihm geworden ist, aber als damals die Menschen im Fernsehen feierten, dachte ich kurz, wie er das jetzt wohl erleben würde (Ingmar, falls Du das hier durch irgendeinen seltsamen Zufall lesen solltest, kannst Du es mir ja schreiben). Wir hatten an dem Abend kurz die Idee, uns spontan nach Berlin aufzumachen, aber die Vorstellung, in einer Novembernacht 800 Kilometer zu fünft in einer Ente zu fahren hat uns dann doch davon abgehalten. Irgendwie war Berlin damals zu weit entfernt.

Interessanterweise haben sich bisher kaum Romane oder Erzählungen mit den Geschehnissen und Erlebnissen auf der Westseite der Berliner Mauer am Abend des 9. November 1989 beschäftigt. Eine ganz wunderbare Ausnahme ist „Herr Lehmann“ von Sven Regener, der sein Buch mit dem Mauerfall enden lässt. Mit dem Mauerfall, der das ganze sorgsam abgeschottete Kreuzberger Paralleluniversum, in dem sich die Titelfigur Frank Lehmann auf den immer gleichen Pfaden bewegte, implodieren lässt. So abgeschottet, dass es die Bohemiens, die Anarchos, die Trinker, die verhinderten Künstler, die Gescheiterten gar nicht zu interessieren scheint, was da eigentlich gerade passiert. Und diese Stelle, an der es in dem Roman dann plötzlich heißt, die Mauer ist offen, die ist so großartig, dass ich sie hier und jetzt und heute unbedingt zitieren muss:

Gegen eins kam dann jemand herein, stellte sich neben die beiden an den Tresen und bestellte ein Bier.
„Hast Du schon gehört?“ fragte er den Mann hinter der Bar.
„Was denn?“
„Die Mauer ist offen.“
„Ach du Scheiße.“
„Hast du gehört?“ fragte Herr Lehmann, der jetzt ziemlich betrunken war. 
„Was denn?“ fragte Heiko, der schon Anzeichen machte, wegzunicken.
„Die Mauer ist offen.“
„Ach du Scheiße.“
Herr Lehmann guckte sich um. Der Barmann erzählte es anderen Leuten, und die Sache schien sich herumzusprechen. Es gab aber keine große Aufregung, alle machten weiter wie bisher.
„Naja, wenn das stimmt … Kann doch sein“ sagte Herr Lehmann.
„Und wenn schon, was soll das heißen, die Mauer ist offen.“
„Was weiß ich.“
Sie bestellten noch ein Bier. Als sie es halb ausgetrunken hatten, wurde Heiko plötzlich munter.
„Das sollten wir uns angucken“ sagte er. 
„Lass uns zur Oberbaumbrücke gehen“, sagte Herr Lehmann. „Da geht’s doch rüber.“
„Ja, nur mal gucken.“
„Aber erst austrinken“, sagte Herr Lehmann.

Ja, plötzlich hatte sich die Welt verändert. Sie war weiter geworden, eine neue Himmelsrichtung hatte sich für uns aufgetan, der Osten. Im Dezember 1989, einen Monat nach dem Mauerfall, war ich in Hamburg und auf der Suche nach der Jugendherberge traf ich auf ein Paar aus Leipzig, die zum ersten Mal in Westdeutschland waren. Wir verbrachten den ganzen Abend miteinander in irgendeiner Pizzeria und haben erzählt und erzählt und erzählt. Sie von ihrem Leben in der DDR, ich von meinem in Süddeutschland. Es war für mich ein unglaublicher Abend, an den ich auch heute noch oft denke – denn da habe ich erst richtig realisiert, was wir in dieser Zeit gerade erlebten. Wir hatten damals leider keine Adressen ausgetauscht und noch heute ärgere ich mich darüber. Aber vielleicht lesen sie das hier ja?! Irgendwie ist das ein Blogbeitrag voll suchender Rufe in die Vergangenheit geworden. Das ist ja auch kein Wunder, die Ereignisse im November 1989 haben viele Weichen gestellt für das weitere Leben, geistig und geografisch. Damals wusste ich noch nicht, dass ich ein paar Jahre später in Leipzig wohnen würde. Und obwohl ich inzwischen unzählige Mal in Berlin war, finde ich es bis heute immer wieder ein bewegendes Gefühl, durch das Brandenburger Tor zu laufen. Denn das ging beim ersten Berlinbesuch nicht. Da stand eine Mauer davor.

Lehmann_Mauer

Seit Neuestem und pünktlich zum 25jährigen Mauerfalljubiläum gibt es „Herr Lehmann“ in einer weiteren Version, als Graphic Novel nämlich und kongenial umgesetzt von Tim Dinter. Die Kunstform der Graphic Novels ist bisher etwas an mir vorbeigegangen, aber diese hier musste ich natürlich haben. Unbedingt.

Herr Lehmann, Graphic Novel

Bücherinformationen
Sven Regener, Herr Lehmann
Goldmann Taschenbuch
ISBN 978-3-442-45330-6

Sven Regener, Herr Lehmann
Gezeichnet von Tim Dinger
Eichborn Verlag
ISBN 978-3-8479-0581-3

9 Kommentare

  1. Mein Buch von der Westseite kommt noch, allerdings war ich erst 14, schon verpflanzt von Ost nach West und hab das ganze vorm Fernseher sitzend verfolgt, trotzdem hochemotional. Mein Lieblingswendebuch ist „Wie es leuchtet“ von Brussig muß aber zugeben das ich Herr Lehmann noch nicht gelesen hab. Aber ich glaub ich hab den Film gesehen. Comic wäre auch super..

  2. Wir waren ganz kurz davor, uns auf den Weg nach Berlin zu begeben. Wie viele viele Andere hätten wir es wohl nicht geschafft. Alle wollten an diesem Tag dorthin. Über 100 km Stau vor den Toren der Stadt – auch ohne Lokführerstreik.
    So waren wir in Gedanken dort – wird auch ein unvergessliches Erlebnis sein.

    • In so manch einem Kopf ist sie sicher nicht offen. Aber Menschen, die sich weigern, ihren Horizont zu erweitern wird es wohl leider immer geben…

      • Der Horizont, ach ja. Als ich (seinerzeit im israelischen Fernsehen) die Politiker auf der Treppe singen hörte, war meine Assoziation nicht „Befreiung“ – sondern „Übernahme.

        Das mag zwar reaktionär klingen, aber wenn man heute die „Linken“ als solche „verurteilt“ kann ich nicht ganz folgen: „Unsere Demokratie“ (Ich trage in Formularen on- ebenso wie off-line immer noch „BRD“ ein) geht IMHO nicht besser mit den (warum spricht man eigentlich von der „ehemaligen DDR“) Bürgern um, die uns nicht erst seit 1989 bereichern.

        • In der Tat ist bei der deutschen Wiedervereinigung so einiges auf übelste Weise schief gelaufen, man denke nur an die unsägliche Treuhand. Doch am Abend des Mauerfalls war davon noch nichts zu ahnen. Dieses Ereignis ist ein so unglaubliches Symbol dafür, wie die Macht des Volkes ein Unrechtsregime in die Wüste schickt – ohne Gewalt und ohne Blutvergießen. Und ja, die DDR war ein Unrechtsregime, eine Diktatur. Denn wie soll man einen Staat sonst nennen, der auf seine Bürger schießen ließ, die ihn verlassen wollten? Der Lebensläufe zerstörte, weil Menschen eine andere Meinung hatten? Der Menschen dazu zwang, ihre besten Freunde zu bespitzeln? Seine Bürger einsperrte und drangsalierte? Die Umwelt großflächig vergiftete und zerstörte? Durch untaugliche Planwirtschaft Städte zerfallen ließ, bis viele Häuser fast unbewohnbar wurden? Das darf nie vergessen werden, und auch wenn wir natürlich weit von einem idealen Staat (gibt es das überhaupt?) entfernt sind: Die DDR-Verklärung, die in einigen Köpfen spukt, ist einfach nur unerträglich.

  3. Große Klasse und so schön vielseitig. Davon abgesehen, dass ich deine Erinnerungen – zwischen sanfter Melancholie und Alles-war-möglich – sowieso liebe. Ich würde mich für dich freuen, wenn sich tatsächlich jemand von den Angesprochenen bei dir melden würde. Dir einen schönen Restsonntag.

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