Das Vermächtnis des Suchenden

MankellAm 5. Oktober 2015 ist der schwedische Schriftsteller Henning Mankell an Krebs gestorben. Er war ein Autor, dessen Werk ich nicht nur wegen seiner Romane rund um Kommissar Wallander sehr geschätzt habe. Aber dies hier soll kein Nachruf werden, sondern eine Buchvorstellung. Denn nur kurz vor seinem Tod erschien „Treibsand – Was es heißt ein Mensch zu sein“, seine letzte Veröffentlichung. Sein Abschied.

In „Treibsand“ schreibt Mankell über seine Krebserkrankung, über den Schock der Diagnose, über Höhen und Tiefen, Behandlungserfolge, ein Leben zwischen Hoffen und Bangen, zwischen Todesangst und Trotz. „Ich kann keinen Punkt setzen, weder durch einen tödlichen Ausgang, noch durch eine vollständige Genesung. Ich befinde mich mitten im Prozess. Ein endgültiges Fazit gibt es nicht. Aber das habe ich durchgemacht und erlebt. Die Erzählung hat kein Ende. Sie findet statt. Hiervon handelt dieses Buch. Von meinem Leben. Dem, das war, und dem, das ist.“ Er erzählt uns sein Leben, lässt uns teilhaben an Ereignissen, die ihn geprägt, an Beobachtungen, die ihn sein ganzes Leben nicht mehr losgelassen haben und an seinen Gedanken über Identität und das Menschsein. Jedes Kapitel besteht nur aus wenigen Seiten, es sind aneinandergereihte Gedanken, Erlebnisse, ein Plauderton, manchmal schon beinahe anekdotenhaft, aber bei aller Leichtigkeit seiner Sprache geprägt von einem tiefen Ernst. Gedanken, die tief hineinreichen in die menschliche Seele und Spuren eines Lebens beschreiben, das kein einfaches, kein unkompliziertes war. Aber ein intensives.

Den Buchtitel erklärt uns der Autor im vierten Kapitel, in dem er beschreibt, wie er als Kind über viele Jahre eine irrationale, aber panische Angst davor hatte, im Treibsand zu versinken und dabei qualvoll zu ersticken. Im Laufe seines Lebens hatte er gelernt, diese Angst zu beherrschen, aber eine leichte Beunruhigung blieb. Bis zu dem Tag der Krebsdiagnose, als dieses Gefühl zu versinken und unentrinnbar verloren zu sein mit voller Wucht über ihm zusammenschlug. „Das Gefühl, das mich überkam, war genau wie die Angst vor dem Treibsand. Ich sträubte mich dagegen, hinabgezogen und von ihr verschlungen zu werden, von der lähmenden Einsicht, das mich eine schwere, unheilbare Krankheit befallen hatte. Ich brauchte zehn Tage, um mich zu fangen und nicht von der Angst vollständig lähmen zu lassen, die meine ganze Widerstandskraft zunichtezumachen drohte…Und ich wurde nicht hinabgezogen. Schließlich konnte ich aus dem Sand herausrobben und anfangen, mich dem, was geschehen war, zu stellen.“ Ein Buch, in dem er danach liest, um herauszufinden, was es mit diesem mysteriösen Treibsand auf sich hat, verschafft ihm eine entscheidende Erkenntnis: Es ist nur ein Mythos, Treibsand gibt es nicht in der Natur.

Die einzelnen Kapitel stehen nicht in direktem Zusammenhang, manche beziehen sich aufeinander, andere wirken losgelöst von allen anderen. Eines haben sie gemeinsam, es sind Beschreibungen einer Suche. Einer Suche nach sich selbst, nach dem Leben, nach dem, was uns – die Menschen – ausmacht. Wir erfahren viele biographische Details, Kindheitserlebnisse, Schulabbruch, der Wunsch, Theaterleiter zu werden, Reisen in alten Autos quer durch Europa, das langjährige Theaterprojekt in Maputo, Moçambique. Überhaupt, Afrika. Ein Kontinent, der es Mankell angetan hatte, auch hier immer auf der Suche nach sich selbst, immer unterwegs, mit einer neugierigen Rastlosigkeit, die für sein Werk als Schriftsteller und Theaterleiter prägend war: „Auch wenn ich später im Leben dann und wann ein falsche Wahl getroffen hatte, ist das nichts gegen die Niederlage, überhaupt nicht zu wählen. Ich wundere mich oft über Menschen, die sich widerstandslos mit dem Strom treiben lassen, ihr Dasein nie in Frage stellen oder nie einen notwendigen Aufbruch wagen.“

Historische Ereignisse setzt er in Bezug auf die heutige Gesellschaft, es geht dabei vor allem um gesellschaftliche Strukturen, Gerechtigkeit und vor allem um die Verantwortung der Menschen für ihre Erde. Ein Thema, das sich als einer der verschiedenen roten Fäden durch die Texte zieht und das immer wieder auf den verantwortungslosen Einsatz der Atomkraft zur Energiegewinnung hinausläuft. Denn der Umgang mit dem hochgefährlichen radioaktiven Atommüll ist für Mankell zu Recht eines der größten Probleme der Menschheit. „Zivilisationen haben immer Abfall zurückgelassen. Wenn eine Kultur oder ein Imperium untergeht, pflegt man nicht immer hinter sich aufzuräumen. Doch weder das Ägypten der Pharaonen noch das Römische Kaiserreich haben gefährlichen oder tödlichen Müll  zurückgelassen. Aber wir tun es.“

Ein anderer, wichtiger roter Faden sind seine Gedanken über die Frage, was den Menschen, was das Menschsein ausmacht. Es geht dabei um das kulturelle Erbe längst verschwundener Epochen, um Hirnforschung, um Ängste, um Vergänglichkeit, das Unterwegssein, um Theater, um Skulpturen und Bilder aller Epochen – von den ersten Höhlenmalereien bis heute. Und er führt uns zu Mankells Antwort auf seine Frage: Die Fähigkeit zum Spiel, zur abstrakten Darstellung des Alltags, sich durch Kunst ausdrücken zu können. Die Macht der Phantasie. Aber auch sich als Individuum fühlen zu können, unverwechselbar und einzigartig, denn „ich bin ich und kein anderer. Ich kann nicht gegen jemanden anderen ausgetauscht werden.“

Henning Mankell war Zeit seines Lebens ein Suchender, neugierig auf die Menschen, mit einem unerschütterlichen Glauben an das Gute, an den Fortschritt und an die Gerechtigkeit. Auch hier kann man sich einmal im Weg irren, wie sein Engagement für die berüchtigte Gaza-Flottille im Jahr 2010 gezeigt hat. Eine von Islamisten gesteuerte Aktion, die nicht dazu dienen sollte, Menschen in Not zu helfen, sondern einen Zwischenfall zu provozieren, um damit die profitable Opferrolle der den Gazastreifen beherrschenden Organisationen weiter zu zementieren. Mankell hat wohl gemerkt, vor wessen Karren er sich mit seinem Einsatz hat spannen lassen und konsequenterweise findet sich keine einzige Zeile darüber in seinen Erinnerungen.

Bei der Lektüre von „Treibsand“ habe ich viele Stellen markiert. Jetzt, beim Schreiben, merke ich, dass ich – abgesehen von den verwendeten Zitaten – diese Gedankenstützen gar nicht gebraucht habe, das Buch hat auch so einen tiefen Eindruck hinterlassen, doch ich weiß, dass ich nur einen winzigen Bruchteil der darin enthaltenen Gedanken hier vorstellen kann. Es ist kein schweres, hochliterarisches Werk; es ist eher so als würde man als Leser mit Mankell an einem Tisch sitzen und ihm zuhören, irgendwo in einem Café, in der Hitze Südeuropas, in der Schwüle einer afrikanischen Tropennacht oder inmitten der Ernsthaftigkeit einer schwedischen Stadt. Irgendwo dort, wohin er uns fast 400 Seiten lang mitgenommen hat. Ein beeindruckender Mensch.

Und eine Textstelle wird mir wohl auch nicht mehr aus dem Kopf gehen. Als er beim Anblick seiner Bücher schreibt „Ich denke daran, dass ich mehr Regale brauchen werde. Ich habe keinen Platz mehr für all die Bücherstapel, die wachsen und wachsen. Sie werden wachsen, solange ich lebe.“

Nur wenige Wochen nach Erscheinen der deutschen Übersetzung von „Treibsand“ ist Henning Mankell gestorben.

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Der Text im Hintergrund des Buchphotos steht auf der Treppenhauswand des Kunsthotels Luise in Berlin. Er hat so gut zum Buch und zu diesem Beitrag gepasst, dass ich auf keinen Fall daran vorbeilaufen konnte.

Buchinformation
Henning Mankell, Treibsand – Was es heißt, ein Mensch zu sein
Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt
Zsolnay Verlag

ISBN 978-3-552-05736-4

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