Ausgelöscht

Helle, Eigentlich müssten wir tanzenSchon auf der zweiten Seite von Heinz Helles Roman „Eigentlich müssten wir tanzen“ haben die fünf Männer, um die es geht, sämtliche Sympathien verspielt. Gleichzeitig zeigt die geschilderte Szene unmissverständlich, dass sich der Leser in eine Welt hineinbegibt, in der die Regeln des menschlichen Zusammenlebens, des Anstands und der Moral vollkommen verschwunden sind. Eine kaputte Welt der tierhaften Triebe und des unbarmherzigen Überlebenswillens. Was ist geschehen? 

Nach und nach wird die Situation klarer. Fünf Münchener Freunde, Mittdreißiger, die sich schon seit der Schulzeit kennen, haben wie jedes Jahr ein gemeinsames Winter-Wochenende auf einer Hütte irgendwo in den österreichischen Alpen verbracht. Mit Bier und gepflegter Langeweile. Doch dann hat sich alles verändert, die gesamte Zivilisation rund um sie herum ist zusammengebrochen. Rauch stieg aus dem Tal auf, und als sie abstiegen, stießen sie auf ein verwüstetes Land, eine verwüstete Welt voller Tod und Zerstörung. Sie sind allein. Und völlig auf sich selbst zurückgeworfen, ohne Lebensmittel, ohne genügend Kleidung und ohne Ahnung, was eigentlich passiert ist.

Das wird sich auch nicht klären. Es ist nicht wichtig. Was zählt ist das Überleben inmitten der winterlichen Kälte und des ausgestorbenen und verbrannten Landes. Es schneit, es regnet, es ist bitterkalt, sie schlafen in Plastikfolie eingewickelt zwischen Asche und verkohlten Ruinen. Sie bleiben in Bewegung, die Gruppe läuft Meter für Meter in Richtung…egal, Hauptsache immer weiter und weiter, mit dem vagen Wunsch, nach Hause zu gehen, wohl wissend, dass dort auch nichts mehr sein wird. „Wir sind fünf verschiedene Körper, mit verschiedenen Beinen, Armen, Gehirnen, aber die gemeinsame Fortbewegung auf dieser Straße, dieser Wiese, diesem von Wurzeln durchzogenen Waldboden verbindet uns, es ist eine stabile physikalische Verbindung, wir sind aneinandergeschweißt wie die Elektronen eines Atoms durch Spin und Gravitation, wir gehen alle in eine Richtung.“ 

Nur die stumpfsinnige Bewegung des sinnlosen Gehens hält sie aufrecht, sie hören auf, als Individuen zu existieren, werden zu einer Gruppe. Denn nur so können sie überleben: „Wir rücken eng aneinander, so wie wir es immer tun zurzeit, wir haben einfach noch keine Lust zu erfrieren, warum, können wir auch nicht genau sagen, wir wissen nicht, worauf wir warten oder was wir zu finden hoffen auf unserem Marsch durch eine Landschaft, die nichts weiter ist, als eine ständige Erinnerung daran, dass nichts mehr so ist wie früher.“ 

Vom Setting her erinnert mich das Buch an Cormac McCarthys großartiges Werk Die Straße, auch hier taumeln Überlebende durch eine von Krieg und Vernichtung gezeichnete, feindliche Umwelt. Doch während es bei McCarthy um die bedingungslose Liebe eines Vaters zu seinem Sohn geht, beschreibt Heinz Heller in seinem Roman das Verschwinden zwischenmenschlichen Gefühls, dass sich dem Überleben in der Gruppe unterzuordnen hat. „Wir sind ein über mehrere Körper verteilter Wille geworden, und neben dem Teil dieses Willens, den jeder von uns in sich trägt, ist kein Raum mehr für irgendetwas anderes.“ Denn – und damit verrate ich hoffentlich nicht zu viel – die Gruppe wird kleiner werden. Und kleiner. Was passiert wohl, wenn sich einer der Fünf plötzlich so verletzt, dass er nicht weiterlaufen kann? Was passiert, wenn sie auf andere, wehrlose Überlebende treffen? Wenn der dünne Vorhang der Zivilisation zerrissen in Fetzen hängt und dahinter Menschen zum Vorschein kommen, die um jeden Preis weiterleben möchten, zumindest noch eine kurze Zeit?

In kurzen, klaren, manchmal beinahe stakkatohaften Sätzen schildert der Autor den Marsch der fünf Männer, des Ich-Erzählers und seiner vier Freunde. Vieles bleibt nur angedeutet im Raum stehen, aber gerade das Nichtgesagte zwischen den Zeilen lässt das Grauen im Kopf des Lesers entstehen. Auf gerade einmal 173 Seiten lässt Helle eine Handlung ablaufen, die an das Innerste rührt, in der es um die Frage geht, was eigentlich das Menschsein ausmacht. Wenn alles ausgelöscht ist, was bleibt dann noch?

Das alles in einer brillanten Sprache, die mich vollkommen begeistert hat, wie man sicherlich schon an der Menge der Zitate merken kann. Und dann bin ich auf eine Stelle gestoßen, bei der ich erst einmal innehalten musste, so wie wenn man beim Laufen abrupt gestoppt wird. So existentiell war sie und auch so finster, dass ich sie noch einmal lesen musste. Und noch einmal. Schon lange nicht mehr hat mich ein Text so berührt, getroffen und begeistert. Und jetzt schreibe ich ihn hier auf:

„Und dann. Das wiederholte Wieder-einmal, das uralte Auf-ein-Neues, das Öffnen der Augen, das Einsaugen der Luft, das partielle Feuern der allernötigsten und vorerst einzigen verfügbaren Hirnareale, das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Spezies, die dazu verdammt ist, zu glauben, dass die Zugehörigkeit zu dieser Spezies etwas Besonderes aus ihr macht, die Pflicht aufzustehen, das Weiterleben-Müssen, Weiterleben-Wollen, Weiterleben-Wollen-Müssen, die Angst vor dem eines Tages nicht mehr Weiterleben-Können, der erste Schritt, die Macht der Schwerkraft, das Ausstoßen der verbrauchten Luft, das nutzlose Wissen vom eigenen Vorhandensein wie Watte über der Welt. Das tägliche Staunen über die Anwesenheit der  Dinge.“

Viel mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen.

Buchinformationen
Heinz Helle, Eigentlich müssten wir tanzen
Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-42493-3

Buchpreisblogger lang
Dieses Buch wurde für den Deutschen Buchpreis 2015 nominiert.
Die Buchpreisblogger haben das Auswahlverfahren begleitet.

4 Kommentare

  1. Pingback: Eigentlich müssten wir tanzen - Rezension

  2. Pingback: Tage danach – Heinz Helle “Eigentlich müssten wir tanzen” | Zeichen und Zeiten

  3. Pingback: Hilfe, wir leben noch! Heinz Helles “Eigentlich müssten wir tanzen” | Zeilensprünge.

  4. Interessant, ich musste sofort an „Die Straße“ denken als ich las, worum es geht. Denn Cormac McCarthys lese ich gerade auf deine vergangene Empfehlung hin. Zugleich erinnert mich dies auch an Black Out von Marc Elsberg (https://thomasbrasch.wordpress.com/2014/07/30/vorsicht-ansteckend-paranoia/)

    Der Roman macht nicht den Anschein, ein Ende zu liefern, der das Fortleben erstrebenswert macht. Zudem macht mir die wandernde Ziellosigkeit, die du ansprichst, wenig Lust auf den Roman. Auch wenn ich noch nicht weiß, wie McCarthy seine Geschichte enden lässt, so ist doch der hoffnungsvolle Weg nach Süden auch für mich als Leser ein Antreiber. (So, wie wohl derzeit für die Flüchtlinge der Weg nach Norden).

    Es erinnert auch an die Fabel der beiden Frösche, die in die Milchkanne fallen und nicht mehr herauskommen. Der eine gibt auf und ertrinkt, der andere strampelt weiter bis die Milch zur Butter wird und er doch noch hinaus hüpfen kann.

    Zuletzt fühle ich mich noch an die erste Frage in Max Frischs Fragebogen (http://www.weidigschule.de/biblio/FragenFrisch.pdf) erinnert:

    Sind Sie sicher, dass Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?

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