Erdöl-Sozialismus

Harald Martenstein und Tom Peuckert: Schwarzes Gold aus Warnemuende

Jeder, der die Ereignisse des 9. November 1989 erlebt hat, erinnert sich an die Rede des SED-Funktionärs Günter Schabowski, in der er für alle Anwesenden vollkommen überraschend die Öffnung der DDR-Grenzen ankündigte. „Das trifft nach meiner Kenntnis…ist das sofort, unverzüglich“ – dieses Satzfragment brachte ein bereits angeschlagenes Staatsystem vollständig zum Einsturz. Doch was wäre gewesen, wenn Schabowski nicht die Reisefreiheit verkündet hätte, sondern etwas ganz anderes, etwas weitaus Spektakuläreres? Etwa, dass vor der Ostseeküste immense Erdölvorkommen entdeckt worden wären, so groß, dass sie selbst die Vorräte der arabischen Halbinsel überträfen? Und dass die DDR beabsichtige, jetzt in den illustren Kreis der erdölproduzierenden Länder einzutreten und umgehend mit der Föderdung begonnen werden soll. „Das trifft nach meiner Kenntnis…ist das sofort, unverzüglich“. Plötzlich ist die DDR das reichste Land der Welt und alles, wirklich alles wäre ganz anders verlaufen. Um dieses Szenario geht es in dem Roman „Schwarzes Gold aus Warnemünde“ des Autorenduos Harald Martenstein und Tom Peuckert.

Genüßlich fabulieren die beiden darauf los: Denn natürlich gibt es plötzlich keinen Grund mehr, das Land zu verlassen und aus den Millionen von unzufriedenen Bürgern, die für Reisefreiheit, Pressefreiheit und andere Grundrechte demonstrierten, werden quasi über Nacht Leute, die sich alles leisten können. Die DDR verändert sich dramatisch, mit ihr aber auch die Bundesrepublik, in der jetzt die ärmlichen Vettern aus dem Westen wohnen, auf die man als Ostdeutscher herabsieht. In Ostberlin wachsen die gläsernen Bürogebäude in den Himmel, während Westberlin immer mehr verkommt. Westdeutsche werden für die Drecksarbeit angestellt, für die sich die DDR-Bürger mit ihren bedingungslosen Grundeinkommen von 6.000 Mark viel zu schade sind.

Natürlich gibt es nach wie vor keine Pressefreiheit, keine Meinungsfreiheit, die Stasi ist aktiver denn je. Aber das interessiert keinen mehr, es sind ja nur ein paar Unbelehrbare, für die Grundrechte absurderweise immer noch höher stehen als das persönliche Wohlergehen. „In der DDR verschwinden zwischen 1990 und 1995 etwa 300 Menschen spurlos. Diese Zahl ist nicht sehr hoch, vergleicht man sie mit den Massen, die im Herbst 1989 auf die Straße gegangen sind. Es ist ja auch schnell wieder ruhig geworden, als das Öl erst einmal da war. Das System ist nicht übermäßig rachsüchtig, es will kein Blut, es will einfach nur System sein. Willkür ist dafür ein unverzichtbarer Bestandteil. Wortführer überleben, machen sogar eine kleine Karriere. Harmlose Mitläufer verschwinden. Wenn niemand sich sicher fühlt, genügt das schon.“ Der Rest der 17 Millionen DDR-Deutschen konsumiert, prasst und beschäftigt sich darüber hinaus mit nicht viel anderem. Und Bayern München hat gegen Dynamo Dresden schon lange keine Chancen mehr.

Zwei Journalisten, Harald Martenstein aus dem Westen und Tom Peuckert aus dem Osten sind auf der Suche nach einer Skandalstory, um damit groß rauszukommen. Beide sind eher die Außenseitertypen, gescheiterte Existenzen, vom System geduldet, so lange sie ihm nicht zu nahe kommen. Doch das versuchen sie immer wieder aufs Neue. Investigativ. Undercover. Wie sie glauben. Sie gehen der Frage nach, warum die SED-Funktionäre mit der Bekanntgabe der Ölfunde so lange gewartet haben, bis der Staat kurz davor war zu kollabieren. Versuchen über die monumentale Umweltzerstörung an der Ostsee zu berichten, wo die gesamte Küste Mecklenburg-Vorpommerns einer einzigen großen Raffinerie gleicht, mit Rügen als zentraler Schaltstelle. Blicken hinter die Kulissen der sonstigen DDR-Wirtschaft und erleben eine große Überraschung. Was ist wahr? Was ist falsch? Immer tiefer geraten sie hinein in ein Geflecht voller unentwirrbaren Lügen. Und wissen letztendlich nicht einmal, ob sie einander trauen können.

Mit viel Liebe zum Detail und süffisantem Humor werden die Lebensläufe prominenter Personen unserer Zeit geschildert. Wir treffen eine Sahra Wagenknecht, die wegen ihrer radikalen Ansichten aus der SED geworfen wurde und sich jetzt als Yogalehrerin durchschlägt. Oder begegnen einem Hartmut Mehdorn, der als westdeutscher Top-Manager in den Osten rübergemacht hat, um dort mit dem VEB Kombinat Robotron in Dresden die ostdeutsche Weltmarktkonkurrenz zu Apple aufzubauen. „Hartmut Mehdorns Entschluss, 1997 in die DDR zu gehen und die Führung bei Robotron zu übernehmen, hat im Westen wilden Hass ausgelöst. Fahnenflucht hieß es, Verrat. Es war das Jaulen von Leuten, die sich durch die zunehmende Arroganz der DDR ohnehin gedemütigt fühlten.“ Und die Karriere Angela Merkels verläuft etwas anders und führt erst einmal in Richtung Bautzen.

Auch wenn die Überzeichnungen manchmal etwas brachial wirken, muss man schon sehr oft schmunzeln beim Lesen der 256 Seiten und versucht sich unmittelbar die beschriebenen Personen des öffentlichen Lebens in dieser fiktiven neuen Welt vorzustellen. Wir wissen ja, wie die Geschichte in der Realität verlaufen ist, wie die Treuhand mit ihren halbmafiösen Machenschaften einen ganzen Industriestaat komplett demontiert und abgewickelt hat. Wie Hunderttausende beinahe über Nacht ohne Arbeit waren, wie wirtschaftlich bei der Wiedervereinigung eigentlich alles falsch gemacht wurde, was die Politik falsch machen konnte. Vor diesem Hintergrund wirkt das Buch wie eine kleine Retourkutsche, eine Was-wäre-wenn-Geschichte, bei der es keine westdeutschen Wendegewinner gibt. Aber immer noch die DDR, einen mit harter Hand regierten Staat voller zufriedener Bürger, deren Ideale einfach abgekauft wurden.

Es gibt ein lesenswertes Interview mit den beiden Autoren über ihre Intentionen zu diesem Buch. Darin beschreibt Harald Martenstein es recht treffend: „Unsere DDR ist reich, unsagbar reich. Aber Wohlstand macht die Leute nicht unbedingt angenehmer. Ein Land, dessen Bürger alle reichlich Geld haben, hat etwas Albtraumhaftes.“ 

Oder mit Bertolt Brecht gesagt: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“

Buchinformationen
Harald Martenstein/Tom Peuckert, Schwarzes Gold aus Warnemünde
Aufbau Verlag
ISBN 978-3-351-03607-2

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