Auf Mördersuche im Bombenhagel

Gilbers, GermaniaEin Kommissar im Ruhestand wird mitten in Nacht zu einem Tatort gerufen, an dem die ermittelnden Behörden nicht weiterwissen. Irgendwie ein klassischer Beginn eines soliden Kriminalromans. Aber nicht so in diesem Buch, in „Germania“ von Harald Gilbers. Denn der Kommissar ist nicht freiwillig außer Dienst. Er heißt Richard Oppenheimer und wurde wegen seiner jüdischen Herkunft suspendiert. Der Ermittler, der ihn abholen lässt, heißt Vogler und ist Hauptsturmführer der SS. Wir befinden uns in Berlin, im Frühling des Jahres 1944.

Seit viereinhalb Jahren tobt der Krieg, den Nazideutschland begonnen hat. Und er ist gerade dabei, zu dem Verursacher zurückzukehren. Viele deutsche Städte liegen in Trümmern, auch Berlin ist zu diesem Zeitpunkt schon stark durch Luftangriffe zerstört. Gleichzeitig läuft die Mordmaschinerie des „Dritten Reiches“ auf vollen Touren, Millionen von Juden und Andersdenkenden sind zu diesem Zeitpunkt bereits in den Vernichtungslagern umgebracht worden. In Berlin gibt es kaum noch Deutsche jüdischen Glaubens, die wenigen, die bis jetzt davongekommen sind, leben entweder versteckt im Untergrund oder wurden bisher verschont, weil sie mit einem nichtjüdischen Partner verheiratet sind. Sie sind gezwungen, auf engstem Raum zusammengepfercht in sogenannten „Judenhäusern“ zu leben, müssen den gelben Stern tragen und haben keinerlei Rechte. Das Leben in einem dieser „Judenhäuser“ hat Victor Klemperer in seinen Tagebüchern beschrieben, beklemmend, hoffnungslos, in ständiger Todesangst.

In dieser Situation ist Richard Oppenheimer, der zusammen mit seiner Frau Lisa in einem „Judenhaus“ wohnen muss. Früher war er einer der brillantesten Ermittler der Berliner Kripo und wegen diesem Ruf wird er aufgefordert, dem in einem Mordfall ermittelnden Hauptsturmführer Vogler zu unterstützen. Widerstrebend stimmt er zu, eine große Wahl hat er nicht und erhofft sich dadurch wertvolle Zeit zu gewinnen. Denn dass Deutschland den Krieg verlieren wird, beginnt sich zu diesem Zeitpunkt abzuzeichnen. Doch umso sicherer werden auch die letzten jüdischen Überlebenden in den Tod geschickt.

Das ungleiche Paar beginnt mit den Untersuchungen des Falles und schnell wird Oppenheimer klar, dass es sich um eine Mordserie handelt. Der Täter legt die Leichen getöteter und verstümmelter Frauen an bestimmten Stellen in Berlin ab, die Plätze sind sorgfältig ausgewählt. Oppenheimer beginnt nach einem Muster zu suchen, erkennt Verbindungen zu einem anderen Fall, und er findet heraus, was die Frauen gemeinsam hatten. Die Ermittlungen führen ihn und Vogler in dessen Dienstwagen kreuz und quer durch die Trümmer Berlins, das im Laufe des Romans immer weiter zerstört wird. Bomben fallen, Häuser brennen, die Straßen sind mit Steinbrocken übersät, die Stadt versinkt in Asche, Rauch und Chaos. Eine Welt zerfällt.  Im Bombenhagel wird Berlin zur Hölle und Oppenheimer erlebt grausige Szenen. Die Bomben konnten Nazis und Systemgegner nicht voneinander unterscheiden, ganz abgesehen von den Deutschen, die sich keiner dieser Kategorien zuordnen ließen. Darüber, ob vor Gott alle Menschen gleich waren, ließ sich durchaus kontrovers diskutieren, doch in Bezug auf die Bomben gab es keinen Zweifel: Sie rissen jeden in den Tod. Die Frage, wie böse die Guten werden durften, wenn sie gegen das Böse kämpften, existierte für Oppenheimer nicht mehr. Terror wurde mit blankem Terror beantwortet. Einmal werden Oppenheimer und Vogler in einem Keller verschüttet und erst Tage später daraus geborgen.

Vor diesem Hintergrund einen Mörder aufzuspüren erscheint absurd. Doch er ist da. Und mordet weiter. Oppenheimers und Vogels Ermittlungen führen sie vom Zwangsarbeitermilieu zu einem „Lebensborn“, einer Art Nazi-Menschenzuchtanstalt, und in die Häuser von Parteibonzen. Dann beginnen sich die Puzzleteile zusammenzufügen und plötzlich ist Oppenheimer klar, um was es die ganze Zeit gegangen ist. Da ist es schon beinahe zu spät.

Ein überaus gelungener Roman, denn dem Autor sind zwei große Kunstgriffe gelungen. Zum einen schafft er es, das Leiden und Grauen der Verfolgten des Naziregimes nicht als bloßen atmosphärischen Hintergrund für eine spannende Geschichte zu missbrauchen. Sondern er bringt dem Leser eben dieses Leiden und das Grauen näher. Wir fühlen mit Oppenheimer, sehen seine Ausweglosigkeit, seine Hoffnungslosigkeit, sein Ausgeliefertsein einem verbrecherischen Regime gegenüber, das ein ganzes Land instrumentalisiert hat und es im Würgegriff ins Verderben führt. Der beschriebene Kriminalfall ist letztendlich Nebensache. Und zum anderen tappt der Autor nicht in die Kitschfalle, denn Oppenheimer und Vogler werden keine Freunde. Für Vogler ist der jüdische Kommissar nur Mittel zum Zweck, zwar beginnt er seine Meinung zu respektieren, aber den Menschen hinter der Meinung vermag er nicht zu erkennen.

Diese beiden Punkte haben das Buch für mich zu einem beeindruckenden Leseerlebnis gemacht. Es war übrigens, wie so oft, ein Zufallsfund. Ich sah das Cover, las den Buchtitel, wurde neugierig und irgendwie wollte das Buch zu mir. Leider ist es nur als Taschenbuch erschienen, ein gebundenes Buch mit z. B. einer Berlinkarte im Vorsatz wäre schön gewesen. Vielleicht beim Folgeband, wenn es denn einen gibt.

Kein Zufall ist allerdings, dass ich dieses Buch gerade heute vorstelle. Denn wenn in Berlin wieder ein fanatisierter Mob „Tötet die Juden“ oder ähnliche Hassparolen grölt, wie in den letzten Tagen geschehen, wird es höchste Zeit, dass man sich immer wieder klar macht, wohin ein solcher Hass in unserem Land schon einmal geführt hat. Und wenn es dazu einen gut geschriebenen Krimi braucht, soll es mir recht sein.

Eine kurze Anmerkung zum Photo sei noch gestattet: Das Buch liegt auf einem echten Trümmerstück aus dem Zweiten Weltkrieg, es muss ein Teil von einem Sims eines Gründerzeithauses sein. Ich habe es in einem Kölner Park gefunden, in dem nach 1945 ein riesiger Schuttberg errichtet wurde. Ein Baum war nach einem Sturm umgebrochen und hatte es freigelegt. Was für ein Symbol, denn so viel Zeit ist vergangen und doch ist die Vergangenheit immer noch da.

Buchinformation
Harald Gilbers, Germania
Knaur Taschenbuch
ISBN 978-3-426-51370-5

6 Kommentare

    • Das ist es auch. Besonders, da – wie ich finde – der Autor es sehr glaubwürdig hinbekommt.

  1. Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag. Klingt nach einem sehr guten Buch und macht mich neugierig, es zu lesen, obwohl ich es fast sicher nicht mögen werde und ohne Deinen Beitrag sicher nicht angefasst hätte.

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