Bibliophiler Wahn

Gunnar Kaiser: Unter der Haut

Das Buch „Unter der Haut“ von Gunnar Kaiser in der Hand zu halten, ist etwas Besonderes für mich. Denn ich hatte den Roman schon einmal hier vorgestellt. Damals existierte er aber lediglich als Datei, als ein 563-seitiges PDF. Es war das Manuskript, das ich 2017 für die Longlist des Blogbuster-Preises nominierte. Der Blogbeitrag endete mit den Worten: „Hätte ich allerdings selbst einen Verlag, würde ich dieses Manuskript auf keinen Fall für den Preis einreichen, sondern mir die Rechte daran sofort selbst sichern und es drucken lassen. Als richtig schönes Buch.“ Einen Verlag habe ich zwar immer noch nicht, aber der Berlin Verlag hat diese Auffordung wörtlich genommen und so ist „Unter der Haut“ nun in gedruckter Form erschienen. Als richtig schönes Buch.

Der Roman erzählt die Lebensgeschichte Josef Eisensteins, eines Mörders, eines Menschen mit einer Obsession für Bücher. Oder vielmehr die Geschichte eines Menschen auf einer obsessiven Suche nach dem einen, dem ganz besonderen Buch. Ein Buch als perfekter Gegenstand, für das oder vielmehr wegen dem Eisenstein bereit ist zu töten. Aufgewachsen als Kind einer jüdischen Künstler-Familie verschlug es ihn als Jugendlichen in das Berlin der beginnenden Nazi-Zeit, wo er aufgrund seines Aussehens und seines Namens viele Jahre unter dem Radar lebte, unauffällig und von den dramatischen Entwicklungen weitgehend unbehelligt. Ein Einzelgänger, der kaum Kontakt zu anderen Menschen hat und in dieser Zeit seine wahnhafte Sucht nach der Haptik und Optik perfekt hergestellter Bücher entwickelt. Für eine nie wiedergutzumachende Schuld wird er nicht belangt – und das ist ein Schlüsselerlebnis für Eisenstein: Er bemerkt dadurch, wie weit er gehen kann, ohne dass irgendjemand Notiz von ihm nimmt.

Als er eine Lehre zum Buchbinder beginnt, wird er dabei nicht nur zum handwerklichen Perfektionisten, sondern lernt auch gleichzeitig eine verborgene Welt kennen. Eine vollkommen abgeschirmte Welt der Buchfetischisten, der Sammler, der Buchdiebe und -hehler. Eine Welt der Einzelgänger, in der er sich schnell heimisch zu fühlen beginnt. Und seine Obsession nimmt immer fanatischere Züge an.

In der eigentlichen Handlung berichtet uns der Ich-Erzähler Jonathan Rosen von Josef Eisenstein, den er 1968 in New York kennenlernte, als er selbst als junger Mann vom Land in die große Stadt kam und von dem älteren, geheimnisvollen Lebemann mit seinen seltsamen Angewohnheiten fasziniert war; dessen Leidenschaft für seltene Bücher ihn außerordentlich beeindruckte. Als Eisenstein dann plötzlich verschwand, erfuhr unser Protagonist erst viele Jahre später, 1989, was es mit ihm auf sich hatte, welche Sucht ihn antrieb und zu welchen Monstrositäten er fähig war. Jetzt ist der Erzähler selbst alt geworden, aber es lässt ihm keine Ruhe: Nach einer Suche über den halben Globus und durch die Schichten der Zeit möchte Jonathan dem Geheimnis des Verschwundenen auf die Spur kommen.

Stilistisch ein großer Lesegenuß ist das Buch auf eine entspannte Art und Weise intellektuell, die Geschichte wird in in einer wunderbaren Ausführlichkeit erzählt, die nie die Grenze der Langatmigkeit überschreitet. Von Beginn an schwingt eine Spannung mit, die viel verspricht – und dieses Versprechen erfüllt. Großartig ist die Beschreibung von Eisensteins Büchersucht, die immer zwanghaftere Züge annimmt. Und großartig sind die Schilderungen des Berlins der dreißiger, New Yorks der sechziger Jahre und die Spannung bei der Suche nach dem bibliophilen Wahnsinnigen, die Erinnerungen an „Das Parfüm“ weckt. Dazu der Zerfall der Weltordnung, als sich 1989 der Ostblock auflöst und damit die Suche erst ins Rollen bringt. Vergangene Welten, die lebendig werden.

Ich weiß noch genau, wie ich das Buch gelesen habe, dieses PDF auf dem Bildschirm des Notebooks. Ironischerweise merkte ich zum ersten Mal in meinem Leben nicht, dass ich kein gebundenes Buch zum Lesen in der Hand hielt. Die Stunden vergingen, aus dem Nachmittag wurde irgendwann Abend und ich hatte die Gegenwart vergessen; war eingetaucht in Welten, die mich vollkommen in ihren Bann gezogen haben. Jetzt halte ich das Buch in der Hand und bin begeistert davon, wie viel Mühe sich die Hersteller des Berlin Verlags mit der Gestaltung gegeben haben. Im hautfarbenen Schutzumschlag ist der Titel ausgestanzt; durch die Öffnungen der Buchstaben blickt man auf menschliches Muskelgewebe, mit dessen Abbildung das Buch bedruckt ist. Sehr gelungen, eine perfekte Symbiose aus Umschlag und Inhalt, ein Buch als Gesamtkunstwerk.

Den Schluss des Romans, die letzten siebzig, achtzig Seiten habe ich damals übrigens bewusst nicht gelesen. Irgendwie ahnte ich, dass es dieses Manuskript in absehbarer Zeit als gedrucktes Buch geben würde und dann wollte ich mir das aufgesparte Ende gönnen – nun war es soweit. Wobei ich noch einmal von vorn angefangen habe, denn „Unter der Haut“ ist ein Buch, bei dem es, auch wenn man es zum zweiten Mal liest, unzählige, akribisch recherchierte Details zu entdecken gibt. Egal, ob es um die Psyche eines wahnsinnigen Bibliomanen, die Handwerkskunst der Buchherstellung oder eine Reise in ein längst verschwundenes New York und ein nicht mehr existierendes Berlin geht.

Buchinformation
Gunnar Kaiser, Unter der Haut
Berlin Verlag
ISBN 978-3-8270-1375-0

#SupportYourLocalBookstore

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


%d Bloggern gefällt das: