Land in Trümmern

George Packer: Die Abwicklung

Bücher mit USA-Bezug werden zur Zeit gerne mit dem Versprechen beworben, Aufklärung über das in unseren Augen unverständliche Verhalten der Trump-Wähler zu liefern. Denn es ist und bleibt nur schwer nachvollziehbar, wie ein solch vulgärer Mensch mächtigster Mann der Welt werden konnte. Das Buch, das ich hier vorstellen möchte, ist bereits 2013 erschienen. Und trotzdem gibt es wie kein anderes Auskunft über ein Land im Niedergang, über die Vereinigten Staaten zu Beginn des 21. Jahrhunderts. George Packer schafft es in „Die Abwicklung“ die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den USA von den 1970er-Jahren bis heute anschaulich und spannend darzustellen. Und danach wird einem als Mitteleuropäer so einiges klar. Oder zumindest klarer.

Denn es ist ein Vakuum entstanden. Ein gesellschaftliches und politisches Vakuum. Gewißheiten sind verschwunden, Sicherheiten existieren nicht mehr, die mediale Berichterstattung ist zerfasert in Filterblasen. In diesen leeren Raum sind Donald Trump und seine Wegbereiter hineingestoßen, haben ihn ausgefüllt mit Versprechungen, Drohungen und leerem Gerede. Die Strategie ist aufgegangen.

Doch was ist mit diesem Vakuum gemeint? Und wie konnte es dazu kommen? George Packer hat ein Land im Umbruch bereist und führt uns mit seinem Buch mitten hinein ins Geschehen.

Das Werk ist eigentlich ein Sachbuch. Ein erzählendes Sachbuch, denn es liest sich wie ein spannender Roman und schildert die vergangenen Jahrzehnte in Form von Lebensgeschichten der unterschiedlichsten Menschen. Menschen, deren Leben exemplarisch für die Entwicklungen in den USA verlaufen sind. George Packer hat mit unterschiedlichsten Personen gesprochen, hunderte Interviewstunden geführt. Er hat gescheiterte Lebensentwürfe kennengelernt, aber auch Erfolgstories protokolliert. Hat aufgeschrieben, wie Menschen stolpern, hinfallen, wieder aufstehen. Oder manchmal auch liegen bleiben. Packer sieht sich dabei in der literarischen Tradition von John Dos Passos USA-Trilogie, deren Collagetechnik seinerzeit bahnbrechend war.

„Die Abwicklung“ ist dramaturgisch geschickt aufgebaut, denn die Portraits werden nicht jeweils durcherzählt, sondern sind nach Jahrzehnten aufgeteilt. So treffen wir in jedem dargestellten Zeitabschnitt wieder auf die gleichen Personen, was sich schnell so anfühlt, als würde man alten Bekannten begegnen. Manche fallen mit der Zeit heraus, andere kommen dazu.

Da ist zum Beispiel Dean Price, der in seiner Jugend das Sterben der Tabakfarmen und den Niedergang einer damit verbundenen Region erlebt. Der früh für sich herausfindet, dass Nachhaltigkeit das Schlüsselwort der Zukunft einer vom Energieimport abhängigen Nation ist. Und damit immer wieder kleine Erfolge feiert, scheitert, weitermacht, scheitert, weitermacht.

Oder Tammy Thomas aus Youngstown, einer Stadt in Ohio. Die früh Mutter wird, sich als alleinerziehende Schwarze durchschlägt, einen Industriejob ergattert, miterleben muss, wie mit dem Verschwinden der Stahlindustrie ihre Stadt und ihr Landstrich verarmen. Kriminalität, verödete Stadtteile, Armut und Perspektivlosigkeit lassen sie fast verzweifeln. Doch staunend erleben wir ihre Wandlung zu einer Bürgerechtsaktivistin, die es schafft, den geplagten Menschen wieder einen kleinen Funken Hoffnung zu vermitteln.

Wir begleiten Jeff Connaughton, einen begeisterten Anhänger Joe Biddens. Sein Leben lang wird er zwischen Politik, Wirtschaft und dem Bankengeschäft hin- und herpendeln und hautnah erleben, wie eng verzahnt diese miteinander sind. Welche verheerenden Auswirkungen die Arbeit von Lobbyisten haben kann. Wie weit sich die Politik von den Bedürfnissen der einfachen Menschen entfernt hat. Und wie die politischen Umgangsformen zunehmend verrohen; eine Entwicklung, deren vorläufigen Höhepunkt wir gerade erleben.

Wir treffen auf Menschen, die durch die Immobilienblase alles verloren haben – und es wird einem durch diese Schilderungen erst einmal bewusst, was für eine Dimension diese Wirtschaftskrise hatte. Und wie sie durch das Zusammenspiel von Gutgläubigkeit, fehlender Kontrollinstanzen und kriminellen Machenschaften überhaupt erst entstehen konnte.

Und viele, viele Menschen mehr. Konservative Anhänger der Republikaner, ein investigativer Journalist, Familien am unteren Ende der sozialen Hierarchie, die nicht wissen, wie sie die Miete für den nächsten Monat aufbringen sollen. Dazwischen eingestreut finden sich immer wieder die Lebensläufe bekannter Persönlichkeiten; etwa Colin Powell und seine Karriere in der US-Army, die dem Architekten des Irak-Kriegs den Weg zum Amt des Außenministers bahnte. Oder Peter Thiel, der vom Stanford-Studenten zum PayPal-Mitgründer wurde und heute einer der einflussreichsten Investoren des Silicon Valleys ist.

Am Beispiel von Andrew Breitbart wird gezeigt, wie dieser sich die von der Politik geschaffenen Lücken zunutze machte, um seinen hetzerisches Gift versprühenden „Journalismus“ zu etablieren. 1987 hatte die Aufsichtsbehörde FCC die Fairness Doctrine aufgehoben, die jeden Sender zu ausgewogener Berichterstattung verpflichtete. Als Breitbart knapp zehn Jahre später das Internet in seiner frühen Phase für sich entdeckte, hatte sich einiges verändert. „Die Medienlandschaft war nur noch ein Schatten ihrer selbst, er konnte tun und lassen, was er wollte. Die Säulen der alten Medien wurden zu Infotainment-Sendungen umgebaut, der Meinungsjournalismus war billiger als echte Berichterstattung und hielt die Zuschauer bei der Stange.“ Das ging so weiter, „bis niemand mehr wusste, wer eigentlich recht hatte und wo die Wahrheit lag, bis das Vertrauen in die Presse verspielt und das Selbstvertrauen eines ganzen Berufs zerstört war.“ 

Besonders exemplarisch ist das Leben Sam Waltons. Aus einfachen Verhältnissen stammend wurde er durch harte Arbeit und Erfindungsreichtum als Wal-Mart-Gründer zu einem steinreichen Geschäftsmann. Und ruinierte durch seine gnadenlose Verdrängungspolitik die Infrastruktur des gesamten Mittleren Westens. Die Erfolgsgeschichte Wal-Marts steht für das, was alles schiefgehen kann in einem Wirtschaftssystem, in dem das Survival of the Fittest oberstes Gebot ist:

„Erst nach seinem Tod, als der urige, bodenständige Sam nicht mehr das öffentliche Gesicht der Firma war, begannen die Menschen zu verstehen, was Wal-Mart angerichtet hatte. Das ganze Land war eine Art Wal-Mart geworden. Es war billig. Die Preise waren niedrig, und die Löhne waren niedrig. Die Industrie beschäftigte nur noch wenige Arbeiter, die selten gewerkschaftlich organisiert waren. … Die Kleinstädte, in denen Sam Walton seine Chance gesehen und genutzt hatte, verarmten zusehends, weshalb die Kunden immer mehr auf die  ‚jeden Tag günstigen Preise‘ von Wal-Mart angewiesen waren. … Das Heartland, Amerikas traditonelles Kernland, wurde immer weiter ausgehölt, was die Umsätze der Firma weiter steigerte.“ 

Der Mittelstand, die Gesellschaftsschicht, die von dieser Entwicklung am ärgsten betroffen ist, verleiht einer Gesellschaft Stabilität, ist ihr Rückgrat. Diese Stabilität verschwindet gemeinsam mit den mittelständischen Unternehmen, eine direkte Folge des absurd-naiven Glaubens an die Selbstregulierung des Marktes.

Die Wal-Marts des 21. Jahrhunderts sind infrastrukturzerstörende Firmen wie Amazon oder Zalando und die Entwicklung wird beschönigend „Disruption“ genannt. Was für eine Kurzsichtigkeit. Oder überspitzt gesagt: Letztendlich trägt jeder, der die Dinge des täglichen Bedarfs nicht beim Händler vor Ort kauft, zur Destabilisierung unserer Gesellschaft bei.

Die Krise der USA ist die Krise des Kapitalismus in seiner ungezügelten Form. Jeder hat die Chance, es zu schaffen – dieses uramerikanische Credo stimmt nicht mehr, der American Dream ist ausgeträumt. Vielleicht war er immer schon nichts weiter als ein Traum, aber in Zeiten der Gewinnmaximierung großer Konzerne, des ungebremsten Wachstums und der Globalisierung bleiben alle diejenigen auf der Strecke, die sich mit eigenen Händen eine kleine Existenz aufbauen möchten.

Natürlich war mir klar, dass die USA seit Jahren unter massiven strukturellen Veränderungen leiden. Wie massiv diese Veränderungen aber das gesamte soziale Gefüge angreifen, mit welcher brutalen Gleichgültigkeit zahllose Lebensentwürfe bedroht oder ausgelöscht werden – das ist mir erst durch dieses Buch klar geworden. Ein Land, das sich selbst abwickelt, mit dramatischen Folgen für die ganze Welt.

Und auch wenn das Erscheinungsdatum schon etwas zurückliegt: „Die Abwicklung“ ist mit jedem Jahr aktueller geworden.

Auch für uns.

Buchinformation
George Packer, Die Abwicklung – Eine innere Geschichte des neuen Amerika
Aus dem Amerikanischen von Gregor Hens
S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-000157-3 

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