Buchpreis mit Tai Chi

Deutscher Buchpreis 2015: Die Preisverleihung

Frank Witzel also. Er hat für seinen Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ den Deutschen Buchpreis 2015 bekommen. Eine sensationelle Entscheidung der Jury, die damit den Außenseiter der Shortlist zum Gewinner kürte – eine Entscheidung, die besonders den Buchpreisbloggerkollegen Jochen Kienbaum gefreut haben dürfte, dessen persönlicher Favorit das sperrig-amüsante, genial zusammengefügte Buch schon seit vielen Wochen gewesen ist. Der Titel, dem ich den Preis am meisten gegönnt hätte, wäre Rolf Lapperts „Über den  Winter“ gewesen, aber die Entscheidung für Witzels „Erfindung“ gefällt mir ebenfalls sehr gut, da das Buch für mich reinstes Kopfkino ist und unzählige Bilder im Gehirn aufgehen lässt.

Und beim Stichwort Bilder bin ich beim Tag der Preisverleihung angelangt, von dem ich hier berichten möchte. Die Buchpreisblogger hatten Einladungen für den festlichen Empfang im Frankfurter Römer im Anschluss an die Preisvergabe erhalten – leider nicht für die Verleihung selbst, aber man muss ja auch noch Projekte für die Zukunft haben. Meinen geschätzten Mitstreiterinnen und Mitstreitern passte aus verschiedenen Gründen der Termin leider nicht in die Wochenplanungen, so dass ich mich alleine auf den Weg nach Frankfurt machte. Ich war gerade auf der Rückreise von einem Besuch in Leipzig, hatte die letzten Tage ausgiebig mit Büchern und Gesprächen in Cafés verbracht und kam am späten Nachmittag in Frankfurt an. Um nichts zu verpassen, aktivierte ich ab 18 Uhr den Livestream der Buchpreis-Feierstunde auf dem Smartphone. Und das war ein irgendwie skurriles Erlebnis: Mit Kopfhörern einem Ort zugeschaltet zu sein, den man ebenfalls gleich betreten würde, aufmerksam den Beiträgen zuzuhören und sich gleichzeitig durch die Frankfurter Innenstadt mit tausenden von Menschen treiben zu lassen. Wortfetzen aller möglichen Sprachen, untermalt von Melodien verschiedenster Straßenmusiker, Flaneure, Banker, Bettler, Gruppen Jugendlicher – das alles vermischte sich mit der Liveübertragung in meinen Ohren.

Kurz vor dem Römer, an einer stark befahrenen, mehrspurigen Straße stand eine Gruppe japanischer Touristen im Kreis neben ihrem Reisebus und war vollständig in eine Tai Chi-Übung versunken. Ein Kreis der völligen Ruhe mitten im urbanen Chaos, nur wenige Minuten vor der Buchpreisentscheidung, die ich mithörte und deren Akteuren ich gleich begegnen würde – das ist ein Moment gewesen, den ich wahrscheinlich so schnell nicht mehr vergessen werde. Vollkommen in seiner Absurdität.

Dann der Frankfurter Römer,  die Menschen strömten vom Saal der Preisvergabe hinab zum Empfang und mischten sich dort mit denjenigen, die mit mir gerade erst eingetroffen waren. Ich war alleine da, kannte erst einmal niemanden und gefiel mir ganz gut in der Rolle des Beobachters. Überall redeten sie und gestikulierten, begrüßten und umarmten sich, viele, viele Gesichter, die man aus der Buchbranche kennt. Die Shortlist-Autoren, Verleger, Presseleute, Journalisten – eine lebhafte Mischung. Die Eindrücke wirbelten umeinander; eine bekannte Verlagsdame, die im Gespräch neben mir ziemlich deutlich machte, was sie von einigen der nominierten Shortlist-Titeln hielt (nein, weitere Indiskretionen gibt es von mir nicht), eine junge Reporterin eines Frankfurter Stadtmagazins, die gerade Frank Witzel – den Mann der Stunde – zu einem Interview bewegen wollte, dieser aber von seiner Agentin direkt weitergezogen wurde zu den Übertragungswagen der großen Radio- und Fernsehsender, Dennis Scheck, der einen Meter neben mir meinte, er hätte gerne Ilija Trojanows „Macht und Widerstand“ auf der Shortlist gesehen, aber mit der Jury-Entscheidung voll und ganz zufrieden war. Und. Und. Und.

Später traf ich Caterina Kirsten, die uns Buchpreisblogger zusammengebracht und das ganze Projekt ins Leben gerufen, es über all die Wochen moderiert und auf der Facebookseite des Deutschen Buchpreises zusammengeführt hatte. Wir kannten uns schon eine ganze Weile virtuell, es war schön, sich endlich einmal im realen Leben zu begegnen. Es folgten noch weitere, sehr nette Gespräche und der ganze Abend verging wie im Flug. Der letzte ICE brachte mich dann zurück nach Köln. Aber die Kopfbilder waren noch nicht zu Ende, noch völlig in Gedanken an die Feier sah ich aus den Augenwinkeln zwei kleine Kinder zwischen den Gleisen des Kölner Hauptbahnhofs herumspringen. Sie waren gleich wieder verschwunden, gehörten zu einer Gruppe von Flüchtlingen, die zusammengekauert in der Eingangshalle saß, halb verdeckt von ein paar Werbeaufstellern. Es war kalt, mitten in der Nacht und sie war wieder da, die Realität.

Das alles sind meine Eindrücke rund um den Deutschen Buchpreis 2015. Unser Buchpreisblogger-Projekt wird jetzt langsam auslaufen; die ein oder andere Besprechung folgt ebenso noch wie ein ausführliches Resümee. Und natürlich werde ich das Lesetagebuch zu Frank Witzels „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ hier auf Kaffeehaussitzer weiterführen, mit frischem Elan und großer Begeisterung.

Doch jetzt ist erst einmal Buchmesse.

Deutscher Buchpreis 2015: Die Preisverleihung

5 Kommentare

  1. Warum ist eine Tai Chi Runde, die sich für einige Zeit aus dem Verkehr zieht, absurd? Ich glaube eher das liegt an der Wahrnehmung des Betrachters.

    • Nicht die Tai Chi Runde wirkte absurd, ganz und gar nicht. Es war die Gesamtsituation, das Großstadtchaos wurde durch diese Runde in die Nähe der Absurdität gerückt.

  2. Wow lieber Uwe, dieser Tag in Frankfurt klingt total verrückt. Atemlos, gut, aber verrückt. Hallo(oO), da stehst du mit einem Mal neben Denis Scheck. Ist das zu fassen? „Über den Winter“ von R. Lapperts war übrigens auch mein heimlicher Favorit. Schade, dass so wenig Buchblogger zugegen waren, aber ich muss dir sagen das ich deine Zeilen sehr gerne gelesen habe – ganz gemütlich mit einem Becher Café.

    Liebe Grüße

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