Südamerikanische Zeitreise

DSC_0641Seit vielen Jahren habe ich ein Faible für Südamerika, für Historisches und für gut geschriebene Reiseberichte. Umso neugieriger war ich auf das Buch „Kondor und Kühe“ von Christopher Isherwood. Der angloamerikanische Schriftsteller brach im September 1947 zusammen mit dem Photographen William Caskey zu einer mehrmonatigen Reise auf. Sie führte ihn durch Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, Peru und Argentinien – quer über die Anden bis nach Buenos Aires. Herausgekommen ist dabei ein stilistisch brillant geschriebener Reisebericht, der erst jetzt, 2013, im wunderbaren Liebeskind Verlag auf deutsch erschienen ist.

Hier eine kleine Kostprobe: Heute morgen ging ich sehr früh an Deck – und da war Südamerika. Seine Berge erhoben sich jäh und erhaben aus dem flachen Meer, von gewaltigen, schrägen Lichtbündeln der aufgehenden Sonne in ein wuchtiges Relief geworfen. Es war sehr still. Man konnte eine Kirchenglocke hören und das Tuckern der Zollbarke, die ablegte und auf unser Schiff zusteuerte. Und man konnte bereits das Land riechen. Ein harscher Geruch, der beunruhigend war nach der Sauberkeit des Meeres. Ein Geruch, der die lange Reise, die vor uns lag, erahnen ließ, mit all ihren Aufregungen und Mühen. Der Geruch einer fremden Zivilisation, einer fremden Sprache, anderer Gesichter und anderen Essens. Ein Geruch, bei dem meine schemenhaften inneren Bilder des neuen Kontinents plötzlich scharf und dreidimensional und wirklich wurden.

Eindrucksvoller kann man den  Beginn einer abenteuerlichen Reise kaum beschreiben. Und abenteuerlich wurde sie: Die beiden Reisenden arbeiteten sich per Schiff, Bus, Bahn, Taxi und zu Fuß beschwerlich Kilometer um Kilometer ihrem Ziel Buenos Aires entgegen. Die tropische Hitze im Küstenland und die dünne Höhenluft auf den Paßstraßen der Anden machen ihnen zu schaffen; Flußschiffe, die an Sandbänken festhängen, Autos, die auf maroden Straßen liegenbleiben und viele andere Unwägbarkeiten müssen sie in Kauf nehmen. Die Beschreibungen von Isherwood lesen sich so, als würde man das alles neben ihm sitzend oder laufend selbst erleben. Er trifft sich in den Städten mit Schriftstellern und Intellektuellen, besucht Ölfördercamps im Dschungel, bewundert die Reste der Inka-Kultur und beschreibt drastisch die damaligen politischen und wirtschaftlichen Zustände. Ein wunderbarer Text, der einem trotz oder vielleicht gerade wegen seines großen zeitlichen Abstands die südamerikanischen Andenstaaten näher bringt.

1996 reiste ich durch Bolivien und Peru – zum Teil auf derselben Strecke wie der Autor. An eine Szene in La Paz kann ich mich gut erinnern. Wir saßen in einem schönen alten Kaffeehaus, umgeben von verblichener Pracht. Verstaubte Kronleuchter, alte, etwas abgeschabte Cafémöbel, stumpfes Fischgrät-Parkett mit fehlenden und wackelnden Dielen, ein Kellner in schwarzem Anzug mit Fliege und im Hintergrund lief tatsächlich eine Aufnahme von Pavarotti. An den anderen Tischen zahlreiche alte Männer, zeitungslesend oder nachdenkend in ihren Kaffee schauend. Um das ganze abzurunden lief vor der Türe ein Demonstrationszug wütender Landarbeiter vorbei, die lautstark gegen eine geplante Landreform protestierten. Das war für mich damals ein so starkes Klischeebild von Südamerika, das ich es heute noch vor mir sehe, als wäre es gestern gewesen. Und die Szene hätte sich auch 1947 so abspielen und in Isherwoods Buch vorkommen können.

Buchinformation
Christopher Isherwood, Kondor und Kühe
Aus dem Englischen von Matthias Müller

Liebeskind Verlag
ISBN 978-3-95438-007-7

1 Kommentar

  1. Mein Dank für Deinen Kommentar zu meiner Besprechung und das Kompliment zurück! „Kondor und Kühe“ ist tatsächlich ein streckenweise zeitloses Buch und mehr als ein „Reisebericht“ mit Verfallsdatum. Und für mich bislang das Buch von Isherwood – von den dreien, die ich gelesen habe – das es mir am meisten angetan hat. Freilich auch wegen eigener Reiseerfahrungen durch diesen Kontinent.

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