Ratlos mit Christian Kracht

Christian Kracht: Die Toten

Bald startet die Bloggerreise nach Zürich, denn der Kaffeehausitzer ist einer der offiziellen Blogger-Kooperationspartner von Zürich liest 2016, dem größten Lesefestival der Schweiz, das dieses Jahr vom 26. bis zum 30. Oktober stattfindet. Ein besonderes Highlight wird die Lesung mit Christian Kracht sein, begleitet mich dieser Autor mit seinem Werk bereits seit über zwanzig Jahren. Allerdings lässt mich sein aktuelles Buch „Die Toten“ etwas verwirrt zurück.

Das 1995 erscheinene „Faserland“, sein Erstling, war damals ein Roman, der mich über lange Zeit beschäftigt hat; keine Ahnung, wie oft ich ihn gelesen habe. Fälschlicherweise wurde das Buch seinerzeit in die damals aufkommende Stilrichtung der Pop-Literatur eingeordnet, doch im Gegensatz zu den meisten oberflächlichen Werken dieser Gattung verschwand „Faserland“ nicht nach kurzer Zeit wieder aus dem Lesegedächtnis, sondern blieb in Erinnerung. Warum, das habe ich an anderer Stelle zu ergründen versucht.

Seitdem hat mich Kracht auf eine schwer zu beschreibende Art und Weise fasziniert. Auf der einen Seite stößt mich das dünkelhafte, auf Biegen und Brechen Anders-sein-wollen ab; irgendwie fand ich es arg exzentrisch, Kathmandu oder andere möglichst exotische Städtenamen als Wohnortangabe zu wählen, um in der Ferne weilend edle Literaturzeitschriften herauszugeben. Ebenso war es die blasierte Exklusivität von Am Pool, immerhin eine der ersten Online-Autorencommunities, die mich eher amüsiert als beindruckt hat. Vielleicht ist es die ganze Attidüte eines Menschen, der niemals für seinen Lebensunterhalt arbeiten muss, die für mich irritierend und interessant zugleich ist. Interessant? Ja, denn eines kann Christian Kracht eben ziemlich gut: Schreiben.

Besonders beeindruckend fand ich „1979“, einen irrwitzigen Roman, der im Teheran am Vorabend der Revolution Chomeinis beginnt, den Protagonisten zum heiligen Berg Kailash nach Tibet und in ein chinesisches Straflager führt. Oder sein „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“, in der die Schweiz als imperiale, totalitäre Supermacht dargestellt wird, die sich mit halb Europa im Krieg befindet. Handlungen mit skurrilen Wendungen sind das Markenzeichen Krachts.

Umso erstaunter bin ich, dass mich sein neuester Roman „Die Toten“ – wie eingangs erwähnt – ziemlich ratlos zurückgelassen hat. So ratlos, dass ich nicht einmal sagen kann, ob mir das Buch gefallen hat oder nicht. Die in ihren Bewertungen weit auseinanderklaffenden Besprechungen – Ijoma Mangold nennt das Buch ein „außerordentliches Kunstwerk“ während Sieglinde Geisel einen Totalverriss liefert – kann ich in beide Richtungen nicht nachvollziehen. Aber irgendetwas hat das Buch und ich schaffe es nicht herauszufinden, warum „Die Toten“ auf eine unbestimmte Weise nachhallt und mir im Gedächtnis bleiben wird.

Die Bestandteile versprechen eine spannende Mixtur: Das letzte Aufbäumen der Stummfilmzeit, Deutschland kurz vor der Nazi-Diktatur, Japan als totalitäres Land zwischen Tradition und Moderne, eine angedeutete Geheimdienstgeschichte, Gedanken über Schein und Sein und die Vergänglichkeit, ein Beziehungsdrama. Ziemlich viel lose Enden für 212 Seiten. Dazu tummeln sich neben den drei fiktiven Protagonisten – dem schweizerischen Filmschaffenden Emil Nägeli, seiner Verlobten Ida von Üxküll und dem japanischen Offizier Masahiko Amakasu – auch etliche historische Persönlichkeiten. Wir treffen Charlie Chaplin in einer gar nicht komischen Rolle, begegnen dem rechtskonservativen Medienmogul Hugenberg, ziehen mit einem albernen Heinz Rühmann und einem verschwörerischen Siegfried Kracauer durch das nächtliche Berlin. Und erleben einen unerwarteten Showdown auf hoher See. Kracht verknüpft dies alles zu einer Handlung, die zwar ein paar überraschende Wendungen auf Lager hält, aber ansonsten irgendwie leer bleibt. Wie ein schön verziertes Schmuckkästchen, das beim Öffnen nichts enhält.

Vielleicht liegt es an der Sprache. Sie wirkt auf eine bemühte Art kunstvoll, reiht einen Nebensatz an den anderen, gibt sich einen dandyhaften Anstrich und lässt einen schalen Geschmack zurück. Aber vielleicht ist das ja gewollt? Unterstreicht das nicht eher die Wirkung des Buches, das mit einer etwas blasierten, aber auch trostlosen Grundstimmung daherkommt? Das die Welt der Filmindustrie mit all ihren Täuschungen, Fassaden und Intrigen in einer Zeit des Umbruchs thematisiert? Kracht ist Stilist genug, um ihm eine solche Meta-Ebene zuzutrauen. Sollte es sie geben, habe ich allerdings keinen Zugang gefunden und bin als Leser nur an der Oberfläche geblieben, was den oben genannten vagen Eindruck einer Leere erklären mag. Aber möglicherweise gibt es sie auch gar nicht.

Wie dem auch sei, ich freue mich auf Christian Krachts Lesung bei Zürich liest am 29. Oktober 2016 – eine von nur acht Veranstaltungen die es ingesamt mit ihm zu seinem Roman gibt. Der mir dann vielleicht zugänglicher erscheinen wird. Wer weiß. Auf jeden Fall bin ich gespannt, den Autor einmal persönlich zu erleben, der mir seinerzeit mit „Faserland“ einen Roman mitgab, der das damalige Lebensgefühl genau getroffen hat. Ohne Meta-Ebene.

Buchinformation
Christian Kracht, Die Toten
Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-04554-3

Festival-Informationen
Zürich liest 2016
26. bis 30. Oktober
zuerich-liest.ch
#zl16
@zuerich_liest 

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5 Kommentare

  1. Pingback: Was erwarte ich eigentlich von einer Lesung? | Buzzaldrins Bücher

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