Inszenierte Inszenierung

Lewinsky, Kastelau

Das Buch „Kastelau“ von Charles Lewinsky las ich schneesturmumtost in einem abgelegenen Bauernhof mit dem Gefühl, komplett von der Welt abgeschnitten zu sein. Selten passen äußere Umstände so perfekt zum Inhalt eines Romans, denn Kastelau ist ein Dorf in den Berchtesgadener Alpen, in dem ein Filmteam aus Berlin den Winter 1944/1945 verbringt – völlig abgeschnitten vom Rest der Welt. Und das ist auch der Grund ihrer Anwesenheit dort. Denn Berlin wird zu dieser Zeit ein immer gefährlicherer Ort, die Niederlage des Krieges beginnt sich abzuzeichnen und niemand – auch kein Star des Filmgeschäfts – ist mehr davor gefeit, sein Leben für das Ende des tausendjährigen Reiches geben zu müssen.

Durch allerlei Verwicklungen und an Sabotage grenzende Machenschaften hat es das Filmteam geschafft, die Produktion eines vom Propagandaministerium in Auftrag gegebenen Durchhaltestreifens in die Bergwelt der Alpen zu verlegen. Der Plan ist, im gottverlassenen Kastelau möglichst unbeschadet und von offizieller Seite vergessen das Ende des Krieges zu überstehen. Und abgelegen ist der Ort tatsächlich, neben der Kirche „ist ein kleiner Friedhof, jeder Grabstein mit seinem Sahnehäubchen aus Schnee. Auf den Steinen stehen bestimmt immer wieder die gleichen Namen, lauter Heckenbichlers und Melchiors. An Altersschwäche gestorben oder im Kindbett. Kastelau, so fühlt es sich an, ist ein Ort, wo man eines natürlichen Todes stirbt, in der Stube, in der man geboren wurde.

Eigentlich ein guter Plan, der – soviel kann verraten werden – auch funktioniert. Und er wäre als winzige Fußnote der Geschichte sicherlich in Vergessenheit geraten, wenn nicht Walter Arnold, ein Schauspieler des Kastelau-Teams und gefeierter UFA-Star im Nazi-Deutschland, nach dem Krieg als Arnie Walton eine internationale Karriere in H0llywood gemacht hätte. Bis hin zu einem eigenen Stern im Walk of Fame.

Viele Jahre später, 2011, versucht ein Mann namens Samuel A. Saunders eben diesen Stern mit einer Spitzhacke brachial zu entfernen. Von der Polizei mit einem Beinschuss überwältigt, stirbt dieser Saunders wenige Stunden später an einem Herzinfarkt. Das erfahren wir gleich auf der ersten Seite der Geschichte. Und anschließend nach und nach alles Weitere.

Denn Saunders hatte die längst vergessene Kriegsepisode wieder ausgegraben, als er in den Achtzigerjahren an seiner Dissertation als Filmwissenschaftler arbeitete. Je tiefer er die Sache untersuchte, in desto unrühmlicheren Licht erschien die Rolle Arnie Waltons alias Walter Arnold damals in den Bergen. Es war keine Bergidylle, in der sich das Filmteam befand, sondern ein Ort mit nur trügerischer Sicherheit. Auch im abgelegenen Kastelau gab es stramme Nazis, gab es Misstrauen und Verrat, gab es Anschuldigungen und Verdächtigungen. Und es gab einen Toten, ein Unfall möglicherweise. Oder auch nicht. Saunders trifft Tiziana Adam, eine ehemalige Schauspielerin aus dem Team, die sich – längst im Rentenalter – als halbgescheiterte Existenz mit einer eigenen Kneipe über Wasser hält. Er interviewt sie, er findet Aufzeichnungen, Briefe, Tagebucheinträge. Und nach und nach fügt er die einzelnen Teile zusammen und versteht, was damals tatsächlich passiert ist, dort oben auf dem Berg. „Walter Arnold war immer nur ein Heldenspieler. Sein Heroismus war ein Kostüm, eine Verkleidung, auf die alle hereingefallen sind: die Kinobesucher, die seinen Charakter mit dem seiner Rollen verwechselten, seine Kollegen und wohl auch er selber.“

Doch er kann sein Wissen nicht verwerten, der in den Achtzigern zwar schon beinahe vergessene, aber noch rüstige Arnie Walton bringt seine Anwälte in Stellung. Saunders muss seine Dissertation abbrechen, sein Doktorvater lässt ihn fallen, seine wissenschaftliche Karriere ist ruiniert. Er eröffnet eine Videothek für anspruchsvolle Filme und Filmklassiker, die nach der Jahrtausendwende einsetzende Digitalisierung ruiniert ihn ein zweites Mal. Walter Arnold ist zu diesem Zeit längst gestorben, aber für Samuel A. Saunders immer noch die Ursache für sein gescheitertes Leben. Er rastet aus und greift zur Spitzhacke.

Nach diesem dramatischen Ende einer Karriere und eines Lebens erfährt der Leser, wie es dazu kam. Der Autor bedient sich dabei eines ausgeklügelten Kunstgriffes, denn wir haben das Gefühl, als würden wir in Saunders‘ Nachlass stöbern. Es ist eine perfekt zusammengestellte Textcollage aus Tagebuchaufzeichnungen, Interviewmitschriften, im Wikipediastil gehaltenen Lexikoneinträgen, Drehbuchfragmenten, Auszüge aus dem Manuskript der Dissertation, Notizen einer Reise ins heutige Kastelau, das schon lange nicht mehr abgelegen ist, sondern sich zu einem dieser Alpenorte mit „touristischer Disneyland-Fassade“ verwandelt hat, und vielem mehr. Dazu geschickt untergebrachte Fußnoten zu echten Personen der Filmgeschichte und zu erfundenen. Trotz der unterschiedlichen Textarten bleibt die Handlung gut lesbar und in den gesammelten Saunders-Unterlagen beginnt sich vor unserem Auge das Drama menschlicher Verstrickungen abzuspielen, das sich Jahrzehnte zuvor in Kastelau zugetragen hat. Das alles erweckt durch die Textkomposition einen so authentischen Eindruck, dass der Unterschied zwischen Romanhandlung und realer Geschichte zunehmend verwischt wird.

Gerne wird ein Film als inszenierte Wirklichkeit bezeichnet. Bei diesem Buch ist das weitaus komplizierter: Ein Filmteam, das lediglich vorgibt einen Film zu drehen, und ein Autor, der dieses Ereignis aus überaus echt wirkenden Textstücken nachträglich zusammensetzt. Eine inszenierte Inszenierung. „Das Kino – ich weiß nicht mehr, wer das gesagt hat – ist das einzige Kulturprodukt, in dem die Lüge zur großen Kunst geadelt wird. Aber natürlich gilt auch die Umkehrung: Es ist die verlogenste aller Kunstformen. Wo sonst lässt sich die Wirklichkeit so einfach verändern.“

Und genau dieses Spiel mit veränderten Wirklichkeiten beherrscht der Autor perfekt. Eine tragische, wahre, erfundene Geschichte und ein spannendes Lesevergnügen.

Buchinformation
Charles Lewinsky, Kastelau
Nagel & Kimche
ISBN 978-3-312-00630-4 

#SupportYourLocalBookstore

5 Kommentare

  1. Hallo, Uwe. Das ist wieder einmal eine Deiner wunderbaren Besprechungen, die mich so neugierig machen. „Kastelau“ ist vorgemerkt … auch wenn der Bücherstapel damit weiter wächst und wächst. lg_jochen

    • Hallo Jochen, vielen Dank für Dein schönes Feedback, das mich sehr, sehr freut. Aber das Kompliment kann ich getrost zurückgeben – erst kürzlich habe ich mir, angeregt durch Deine begeisterte Besprechung, „Löwensucher“ von Kenneth Bonert gekauft und begeistert gelesen. Ein tolles Buch!

  2. «Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem fast richtigen Wort ist wirklich eine große Sache – es ist der Unterschied zwischen einem Glühwürmchen und einem Blitz.»

    (Marc Twain).

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


%d Bloggern gefällt das: