Kulturen-Crash am Ende der Welt

Carl Nixon, Settlers CreekDer neuseeländische Autor Carl Nixon zeigt uns in seinem Roman „Settlers Creek“ sein Heimatland. Es ist nicht das Postkarten-Neuseeland der atemberaubenden Landschaften, riesigen Schafherden auf grünen Wiesen oder der Maori-Folklore. Es ist ein Land, schwer getroffen von den globalen Wirtschaftskrisen der letzten Jahre, ein Land mit einer der höchsten Selbstmordraten unter Jugendlichen und voller unversöhnlicher Gegensätze zwischen den Ureinwohnern und den Weißen. Das alles verbindet sich im Schicksal Box Saxtons, von dem diese Geschichte erzählt.

Box Saxton hatte eine Baufirma, man würde sagen eine Projektentwicklungsfirma. Er zog Immobilienprojekte hoch und verkaufte sie gewinnbringend, bis durch die weltweite Wirtschaftskrise auch in Neuseeland die Immobilienblase zerplatzte. Jetzt ist er pleite, wohnt mit seiner Familie in einem heruntergekommenen Viertel Christchurchs und verdingt sich als Montagearbeiter auf allen möglichen Baustellen in Neuseeland. Box ist gerade am anderen Ende des Landes, als ihn die Nachricht erreicht, dass sein Sohn Mark sich umgebracht hat. Seine Welt, ohnehin schon schwer angeschlagen, bricht vollends zusammen; es ist der Anfang seines endgültigen Niedergangs, den wir auf den nächsten 300 Seiten miterleben werden. Er macht sich auf den Weg zum Flughafen, um so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Dabei gerät er in einen Sturm, er packt das Lenkrad und drückt es so fest, dass seine Knöchel weiß werden. Überall Wasser. Es ist mehr wie in einem U-Boot als in einem Auto. Er hat so geparkt, dass ihn der Wind von der Seite trifft; eine starke Bö schüttelt den ganzen Wagen. Box sitzt in der Fahrerkabine und spürt, wie seine Welt erzittert und ins Rutschen gerät. 

Prophetische Worte.

Eigentlich stammt Box Saxton aus einer alteingesessenen Einwandererfamilie, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Neuseeland lebt und früher ein Vermögen mit Obst- und Gemüseplantagen gemacht hatte. Viele Hektar Land in bester Lage, doch heute ist alles verwildert, denn der Obstbau lohnt sich nicht mehr. Und inmitten der überwucherten Plantagen lebt seine Mutter in einem herrschaftlichen Haus; marode, wie ein Überbleibsel aus vergangenen Zeiten, als es noch so etwas wie neuseeländischen Landadel gab. Und bis heute ist die Familie Saxton hochangesehen in der Gegend, weiße Neuseeländer der ersten Stunde. Doch all das nützt Bob Saxton nichts, er ist am Ende. Und er will sein eigenes Leben leben. Wollte. Denn es zerfällt zusehends. Seine Frau und seine Tochter sind das letzte, was ihm Halt gibt. So ist das jetzt, dachte er. Das ist es, was übrigbleibt, das hier in meinen Armen. Box kam sich vor wie ein Überlebender eines verheerenden Erdbebens. Es war ihm nur das geblieben, was er festhalten konnte. Die letzte dünne Schicht beginnt sich aufzulösen, die zwischen ihm und dem endgültigen Abdriften steht.

Ganz nebenbei erfahren wir, dass Box gar nicht der leibliche Vater seines Sohnes ist, sondern sein Stiefvater. Und dieses anfängliche Nebenbei wird unversehens zur Hauptsache. Für den Leser wie auch für Box. Denn der eigentliche Vater hatte sich jahrelang nicht gemeldet, steht aber am Tag vor der Beerdigung vor ihm. Tipene ist Maori und möchte Mark nach uraltem Ritus in einer Maori-Grabstätte bestatten. Für Box klingt das wie ein Witz, natürlich findet sein Sohn auf dem Friedhof die letzte Ruhe, auf dem seit Generationen alle Saxtons liegen. Er lehnt brüsk ab. Direkt vor der Beerdigung entführt Tipene zusammen mit einem Trupp weiterer Maori Marks Leichnam und sie verschwinden nach Norden, in ihr Stammesgebiet. Der Konflikt ist vorprogrammiert, die Kontrahenten stehen sich gegenüber: Auf der einen Seite der heruntergekommene Abkömmling einer weißen Kolonialistenfamilie, auf der anderen Seite ein Maori, der durch das Geschäft mit den Touristen zu Wohlstand gekommen ist.

Für Box Saxton ist damit die Zeit gekommen, die letzten Reste seines bisherigen Lebens über Bord zu werfen. Er macht sich auf, um seinen toten Sohn zurückzuholen, durch nichts und niemanden zu stoppen. Am Ende wird er Brandstifter sein, Einbrecher und Autodieb. Er wird von den Maori gejagt werden und von der Polizei. Aber ob er sein Ziel erreichen wird? Geht es um seine Familie, seinen Sohn oder um seine Selbstachtung? Und kann das gut ausgehen? Wahrscheinlich nicht, aber um ein glückliches Ende ging es nie, kann es gar nicht gehen. Das Buch bleibt spannend bis zur letzten Seite, bis zur allerletzten überraschenden Wendung. Er glühte, sein ganzer Körper stand unter Strom. In ihm war nichts als rasende Wut. Im Rückspiegel sah Box einen grinsenden Irren, blutunterlaufene, heimtückische Augen, entblößtes Zahnfleisch mit weißen Zähnen. Und für einen Moment fragte er sich, wen zum Teufel er da eigentlich ansah.

Carl Nixon hat ein großartiges, ein mitreißendes Buch geschrieben. Es ist eine Ein-Mann-muss-tun-was-ein-Mann-tun-muss-Geschichte, aber dabei so klar und zwingend entwickelt, dass man mit Box Saxton mitfiebert, dass einem seine völlig wahnwitzige Vorgehensweise irgendwie schlüssig vorkommt. Gleichzeitig zertrümmert der Autor alle Klischeevorstellungen, die wir von Neuseeland haben. Und er thematisiert den Gegensatz zwischen Weißen und Maori, zwei Kulturen in demselben Land, aber voneinander getrennt durch eine Mischung aus Gleichgültigkeit, Desinteresse und Verachtung wie durch eine gläserne Wand.

Und dazu ist das Buch ein echtes Schmuckstück, mit atmosphärisch perfekt passendem Schutzumschlag und bedrucktem Einband, einer Photostrecke rauer neuseeländischer Küstenimpressionen zur Einstimmung, die perfekte Verpackung für die herbe Geschichte einer emotionalen Explosion.

Neuseeland Neuseeland

Beim Lesen von Settlers Creek verbanden sich persönliche Erinnerungen an Neuseeland mit der Romanhandlung und wurden zu einem einzigen, intensiven Leseerlebnis. Denn vor vielen Jahren, man kann getrost sagen im letzten Jahrhundert, fuhr ich mit dem Fahrrad durch Neuseelands Nordinsel. In der Nähe des East Capes entstanden die beiden Bilder, die ich für das Beitragsphoto als Hintergrund verwendet habe. Und auch in jener Zeit war es bei genauerem Hinsehen keine Idylle. Die Gegend ist Maori-Gebiet, durchsetzt von Farmland der Weißen. Ein paar Tage zuvor war ein Maori-Junge von einem Farmer erschossen worden, weil er ihn von seinem Feld vertreiben wollte.

Die Stimmung war angespannt, als weißer Radfahrer erntete man sehr finstere Blicke vom Straßenrand. Durch ein Unwetter wurde für ein paar Tage ein Campingplatz das Zuhause, fast an der östlichsten Spitze Neuseelands. Es regnete ohne Unterlass, nichts ging mehr. Ein selbstbewusster neuseeländischer Werbespruch lautete damals first in the world to see the sun. Mir kam es vor wie das Ende der Welt.

Buchinformationen
Carl Nixon, Settlers Creek
Aus dem Englischen von Stefan Weidle
Weidle Verlag
ISBN 978-3-938803-60-8

11 Kommentare

  1. Pingback: [Sonntagsleserei]: Juni 2015 | Lesen macht glücklich

  2. Wow! Du beschreibst sehr genau, was man empfindet, wenn man „Settlers Creek“ liest. Ich habe es vor zwei Wochen ebenfalls gelesen und zwar ganz langsam und voller Genuss, auf einer kargen und wundervoll stillen Insel. Die dortige Atmosphäre passte so gut zu der des Romans. Doch irgendwie blieben einige Fragen offen –
    Dank deiner Rezension habe ich den Roman besser verstanden. Ich habe Box viel besser verstanden!

    • So eine Lese-Umgebung ist natürlich großartig. Und es freut mich sehr, dass Dir die Buchbesprechung so gut gefallen hat. Vielen Dank.

  3. Schade, Geburtstag gerade vorbei. Muss jetzt etwas warten, aber die Besprechung ist mal wieder grandios. Da müssen sich die Bücher später immer verdammt anstrengen, das Niveau auch zu bestätigen, auf dem du über sie schreibst.

  4. Auch mich hat der Roman sehr beeindruckt, er war für mich die Überraschung des vergangenen Jahres. Schön, dass du deine Rezension mit persönlichen Eindrücken von Neuseeland anreicherst, sowohl deine Worte als auch die S/W-Bilder gefallen mir sehr.

  5. Spätestens nach dieser Besprechung ist »Settlers Creek« so gut wie bestellt. Ich brauche umgehend noch mehr von Carl Nixon, nachdem ich gerade »Lucky Newman« beendet habe. Die ausführlichen Leseeindrücke werden in den kommenden Tagen formuliert und auf den Blog »gehievt«. Aber schon jetzt steht fest, wir haben beide in Nixon einen uns bislang verborgenen Autor entdeckt. lg_jochen

    • Gerade heute habe ich mir „Lucky Newman“ und „Rocking Horse Road“ zugelegt. Bin schon sehr auf Deine Besprechung gespannt und freue mich auch schon auf die Lektüre. Toller Autor und schön gemachte Bücher.

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