Blogbuster: Ein Cafégespräch mit Gunnar Kaiser

Blogbuster-Autor Gunnar Kaiser mit Kaffeehaussitzer Uwe Kalkowski

Photo: Markus Loosen

Der Blogbuster-Preis geht in die nächste Runde, inzwischen steht die Longlist fest. 14 spannende und sehr unterschiedliche Texte von 14 Autorinnen und Autoren sind zusammengekommen und Anfang Mai werden wir wissen, wen die Jury zum Blogbuster 2017 kürt. Der Kaffeehaussitzer hat Gunnar Kaisers Manuskript „Unter der Haut“ für die Longlist eingereicht – in einem anderen Beitrag wurde der Text ausführlich vorgestellt; dort habe ich begründet, was ihn für mich so besonders macht und warum er für mich ein klarer Favorit ist. Jetzt wollte ich etwas mehr zur Enstehung von „Unter der Haut“ wissen und habe dem Autor ein paar Fragen gestellt. Wir trafen uns in einem Café und führten ein langes und intensives Gespräch, bestellten einen zweiten Kaffee; wir redeten vor allem über seinen Roman, über literarische Vorbilder, das Schreiben und Obsessionen. Wer etwas mehr über die Person des Autors erfahren möchte, findet ein Portrait auf der Blogbuster-Seite. Und Schriftstellerin Melanie Raabe hat ihn für ihren Blog Biographilia ausführlich befragt.

Der Roman verbindet Zeitgeschichte mit der Suche nach einer verschwundenen Person und ist gleichzeitig die Geschichte einer Obsession: Was hat Dich zu dieser Story inspiriert? Und gleich mitgefragt: Hast Du literarische Vorbilder?

Vielleicht ist ein Kunstwerk die Art und Weise, mit der man versucht, die Quelle seiner Inspiration zu verstecken. Wenn man das, was einen anregt, nicht verwandeln kann, in einen Roman etwa – vielleicht läuft man dann Gefahr, sie auf gesellschaftlich weniger akzeptierte Weise auszuleben. Das Schreiben ist so etwas wie ein Zuschütten dieser ursprünglichen Keimzelle, aus der alles entstanden ist, gerade weil man sie nicht zeigen kann. Daher habe ich es wohl erfolgreich verdrängt … ich kann nur mutmaßen. Aber das, was meine eigenen Obsessionen ausmacht, wird wohl etwas sein, was mit Berührung, mit Körpern, mit Frauen und mit Büchern, vor allem aber mit dem Verschwinden zu tun hat.

Literarisch  geholfen haben mir vor allem Paul Austers „Mond über Manhattan“ und Philip Roths „Portnoys Beschwerden“. Überhaupt sind diese beiden Schriftsteller westliche Fixsterne, was mein Schreiben angeht. Über Europa leuchten mir dagegen eher – ganz klassisch – Thomas Mann und Hermann Hesse.

Die Obsession, um die es in „Unter der Haut“ geht, ist die Sehnsucht, die Gier nach dem perfekten Buch. Ein Buch, in dem Inhalt, Ausstattung und Gestaltung ein perfektes Gesamtkunstwerk ergeben, für den Getriebenen der Fetisch seines Lebens. Wie wichtig ist Dir selbst die Haptik eines gedruckten Buches?

Ich stelle mir vor, dass sie den Büchern selber noch wichtiger ist. Sie müssen schließlich jahrzehntelang, jahrhundertelang Rücken an Rücken stehen – in engster Berührung. Die Momente, in denen es aus dem Schrank gezogen und von einem Menschen in die Hand genommen wird, sind im Leben eines Buches ja die selteneren. Wenn ich mit einem Menschen so lange Zeit in so intimer Nähe stehen oder liegen müsste, mir wäre seine Haptik wichtiger als alles andere. Und doch: Wenn ich mir aussuchen dürfte, mit welchem Menschen ich diese hundert Jahre in enger Umarmung verbringen müsste, würde ich nicht auch danach sehen, wie sich seine Berührung und sein Wesen miteinander verbinden?

Ich bin mir nicht sicher, was die Liebe zu Büchern bei Menschen auslöst. Sind es ihre äußeren Qualitäten (das Bild auf dem Umschlag, der Duft des Papiers, das Gefühl, das das Ertasten des Einbands auslöst …) oder ist es ihr Inhalt (die Geschichte, in die wir uns verlieren, die Welt der Gedanken, in die wir mit ihm eintauchen …) – was war zuerst? Hat die besondere äußere Erscheinung von Conan Doyles „Studie in Scharlachrot“ meine Liebe zu der Geschichte in ihrem Innern ausgelöst oder war es umgekehrt?

Wenn wir an unserer ersten Augenblicke der Lektüre in der Kindheit denken, an was erinnern wir uns da? An den Geruch, daran, wie das Buch in der Hand lag – oder an die Bilder, die die Wörter selber hervorgerufen haben? Und ist es bei dem Menschen, in den wir uns verliebt haben, nicht ganz ähnlich?

Blogbuster-Autor Gunnar Kaiser mit Kaffeehaussitzer Uwe Kalkowski

Photo: Markus Loosen

Ein wichtiger Teil des Romans spielt im New York der ausgehenden 60er-Jahre. Die Beschreibung der Stadt liest sich wie eine Liebeserklärung an die Metropole, die bekanntlich niemals schläft. Auch wenn die beschriebene Zeit schon einige Jahrzehnte zurückliegt, klingt der Text sehr lebensecht. Hast Du Dich vor Ort inspirieren lassen? Wie oft warst Du schon in dieser Stadt?

Ich hatte Glück. Das New York des Jahres 1969 existiert ja nicht mehr – also musste ich es auch nicht aufsuchen. Oder: Aufgesucht habe ich es vielleicht in einem anderen Sinn. In der Musik, die während des Schreibens im Hintergrund lief (eine Playlist mit viel Lou Reed, Iggy Pop, George Gershwin und immer wieder „Blue Skies“ von Irving Berlin), in Romanen (von John Dos Passos über Henry Roth und E. L. Doctorow bis Paul Auster ist New York City ja von der Weltliteratur nicht gerade vernachlässigt worden) und in Filmen. Vor allem „Breakfast at Tiffany’s” oder “Midnight Cowboy” (aus dem sich dann wieder Nilssons „I Guess the Lord Must Be in New York City“ heraus und in meine Playlist geschlichen hat).

Im Oktober 2016 war ich dann zum ersten Mal im New York des Oktobers 2016. Und wohl auch zum letzten Mal. Wenn man so viel über eine Stadt liest und recherchiert, muss man natürlich aufpassen, dass man nicht ständig versucht, die Vergangenheit in der Gegenwart wiederzufinden und an jeder Ecke nach den Zeugen dieser alten Zeit zu suchen. So verdirbt man sich nur alles. Aber auch in New York ist die Vergangenheit in der Gegenwart irgendwie anwesend, und ich war an manchen Orten erstaunt, wie genau die Atmosphäre dem entspricht, wie ich sie mir beim Schreiben erträumt habe. Ganz zuletzt, als ich vor dem Haus, in dem der Protagonist von „Unter der Haut“ lebt, stand: In Brooklyn Heights, in der Nähe von Truman Capotes ehemaliger Residenz gelegen. Erschreckend, dachte ich, dass das alles genau so ist, wie ich es mir ein Jahr lang vorgestellt hatte. Hinterher kam mir dann der Gedanke: Vielleicht hat sich meine Vorstellung einfach über die tatsächliche Wahrnehmung gelegt, hat sie verfremdet, so dass ich die Wirklichkeit so wahrgenommen habe, wie sie mir vorkommen wollte.

Der Gesuchte, um den es im Roman geht, wächst in den dreißiger Jahren als jüdischer Jugendlicher in Berlin auf und lebt dort bei Pflegeeltern sozusagen unter dem Radar der Nazis. In dieser Zeit begann seine Buchbesessenheit und er entdeckte dort hinter verschlossenen Türen eine Parallelwelt ähnlich fanatischer Buchmenschen. Entspringt dies komplett Deiner Phantasie oder hattest Du eine historische Anregung, die im Buch verarbeitet wurde?

Der einzige reale Bezug besteht in dem Schicksal eines Verwandten, der mir von seinen Erlebnissen während der Weimarer Republik und während des Zweiten Weltkriegs erzählt hat, als ich fünfzehn war. So wie der Protagonist von „Unter der Haut“ wurde er 1919 geboren und hat jahrelang seine Identität verschleiert. Auch er konnte einen anderen Namen annehmen, weil das Leben bei Pflegeeltern es ihm ermöglicht hat. Seine Besessenheit, was Bücher und Frauen angeht, ist allerdings – so hoffe ich zumindest – Ausgeburt meiner kranken Phantasie.

Die Handlung ist komplex und reicht über verschiedene Zeitebenen. Wie schreibst Du? Entwirfst Du einen möglichst vollständigen Plot mit geplanten Abläufen und einer detaillierten Struktur? Oder hast Du eine grobe Idee und schreibst darauf los, entwickelst die Geschichte während des Entstehungsprozesses. Oder ganz anders?

Markus Michalek von der AVA Literaturagentur habe ich zu verdanken, dass der Roman überhaupt entstanden ist, weil er mich gezwungen hat, mir sehr detaillierte Gedanken über die Struktur der Erzählung zu machen. Normalerweise bin ich dafür entweder zu faul oder zu begierig, unmittelbar mit dem Erzählen anzufangen. Ein Werk, das man anfängt, in dem man es nicht anfängt, wird ganz anders als eins, in das man ohne Zögern mit Herz und Hand aus dem Stein meißelt. „Unter der Haut“ ist daher vielschichtiger geworden, als ich es ohne diese penible Planung geschafft hätte. Aber trotzdem ist dann das Schreiben ein Abenteuer: Wie sehr wird man der Reiseroute folgen (die man vor einem Jahr entworfen hat!), wie sehr erlaubt man sich, abzuweichen und Nebenwege zu erkunden – und was tut man, wenn man ganz vom Weg abgekommen ist?

Blogbuster-Autor Gunnar Kaiser mit Kaffeehaussitzer Uwe Kalkowski

Photo: Markus Loosen

2 Kommentare

  1. Selten eine so beeindruckende Erklärung zur Keimzelle der Inspiration und zur Entstehung eines Kunstwerks gelesen. Hoffe sehr, dieses Buch wird auch zu lesen sein, mit oder ohne Blogbuster-Preis!

  2. Pingback: Ein Cafégespräch mit Gunnar Kaiser – Blogbuster

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