Luft zum Atmen

Benedict Wells: Becks letzter Sommer

Eigentlich ist es mir unerklärlich, dass ich bisher „Becks letzter Sommer“ von Benedict Wells nicht gelesen hatte; ist es doch ein Buch genau nach meinem Geschmack. Denn ich mag diese Geschichten über Typen, die durch ihr Leben stolpern, orientierungslos, hoffnungslos, auf der Suche nach irgendeinem Sinn. Aber irgendwie ging der Roman damals an mir vorbei, vielleicht auch einfach nur deshalb, weil mir das Titelbild auf dem Umschlag nicht gefallen hat. Und da wäre mir beinahe etwas entgangen – wenn nicht Bloggerkollege Sebastian das Buch jetzt vorgestellt hätte. Da ich ihm schon viele gute Lesetipps verdanke, habe ich auch diesmal beherzt zugegriffen. Und was soll ich sagen? Ich bin begeistert. Nur das Titelbild gefällt mir immer noch nicht.

Wie viele Menschen träumen davon, eines Tages etwas Besonderes aus ihrem Leben zu machen, Künstler zu werden, Musiker oder Schriftsteller. Wie viele sind dann irgendwann Lehrer, Anwalt oder Versicherungssachbearbeiter, sind irgendein Rädchen im großen Getriebe. Ist das Privatleben ausgefüllt, muss das nicht schlimm sein, vielleicht sitzt dann irgendwo noch ein kleiner Stachel, dessen manchmal aufzuckender, kurzer Schmerz sich schnell wieder betäuben lässt. Ist da allerdings nichts, für was es sich außerhalb des als notwendig empfundenen Alltagstrotts zu leben lohnt – dann steht man manchmal vor einem sehr tiefen und sehr dunklen Abgrund. Genauso geht es Robert Beck, der titelgebenden Hauptfigur in „Becks letzter Sommer“.

Er ist Lehrer, wäre aber lieber Musiker, Rockstar am besten. Vor seiner Beamtenlaufbahn war er mit seiner damaligen Band sogar die ersten Schritte auf diesem Weg gegangen, bis hin zum Auftritt als Vorgruppe von New Order irgendwann in den Achtzigern. Dann kam nichts mehr, er zerstritt sich mit der Band und ging den Weg des geringsten Widerstands. Wurde Lehrer, Deutsch und Musik. Lehrer an dem Münchener Gymnasium, an dem er selbst Abitur gemacht hatte. Die Jahre vergehen, Beck lebt ein immer einsameres Leben, ohne es sich eingestehen zu wollen. Gelegentliche Liebschaften beendet er nach drei, vier Monaten, seine Beziehungsangst, seine Unfähigkeit, sich auf andere Menschen einzulassen redet er sich als Freiheitsdrang schön. Becks einziger Freund ist Charlie, schwarz, groß, gutaussehend, aber völlig durchgeknallt, extrem hypochondrisch und mit einem ausgewachsenen Drogenproblem. Der am Älterwerden, am Vergehen der Jahre zu verzweifeln beginnt: „Damals war alles irgendwie … Ich hab viel mehr geatmet. Weißt du, was ich meine? Heute habe ich das Gefühl, ich kann nicht mehr richtig atmen, egal wie tief ich Luft hole … Ich fühl mich immer so kraftlos, wie am Ersticken. Es ist so wenig Luft da.“

Dann trifft Beck auf Rauli. Er ist einer seiner Schüler, mit seiner Familie aus Litauen eingewandert und erweist sich als absoluter Gitarrenvirtuose. Und dazu noch als begnadeter Songschreiber. Kurz, er hat das, was Beck sein Leben lang fehlte: Dieses hauchdünne etwas mehr an Können, das einen Musiker von der Masse abhebt. Talent. Robert Beck schluckt seinen Neid hinunter und möchte als Manager den Jungen groß herausbringen. Er soll seine Fahrkarte sein hinaus aus dem Mittelmaß seines verkorksten Lebens. Die Umsetzung des Plans beginnt zögernd, aber vielversprechend, dann aber läuft alles völlig anders, als gedacht. Ganz anders.

Auch Becks nicht existentes Liebesleben ändert sich dramatisch, als er Lara kennenlernt. Er wundert sich über sich selbst, wie aus einer unverbindlichen Beziehung ganz langsam etwas anderes wird, viel intensiver, als er es jemals kannte. Irgendwann muss er sich entscheiden, wie es weitergeht. Mit Lara, mit ihm, mit seinem ganzen Leben. Und auch hier läuft alles völlig anders, als gedacht. Ganz anders. „Aber ich liebe dich!“ sagte er, fast verwundert. Er begriff, dass er diesen Satz zum ersten Mal in seinem Leben ernst meinte. Lara strich ihm, bevor sie ging, noch einmal wie einem kleinen Jungen übers Gesicht, dann drehte sie ihm den Rücken zu. „Ich weiß“, sagte sie. „Nur manchmal reicht das einfach nicht.“ 

Als Becks Träume zu platzen drohen, als seine ganze Existenz in Frage gestellt wird, als sich wieder der dunkle Abgrund auftut, begibt er sich zusammen mit Rauli und Charlie auf eine irrwitzige Tour, mit einem altersschwachen Auto quer durch den Balkan nach Istanbul. Eigentlich nur, um den an Flugangst leidenden und inzwischen durch Drogen und Psychiatrieaufenthalt immer abgedrifteteren Charlie zu seiner Mutter zu bringen. Doch in Wirklichkeit ist es ein sommerlicher Roadtrip zu sich selbst, zu dem was den Menschen Robert Beck eigentlich ausmacht, eine letzte Chance, sich noch einmal jung und unsterblich zu fühlen. Luft zum Atmen zu haben. Es ist Becks letzter Sommer und seine Reise zu sich selbst.

Absurde Dialoge, Auseinandersetzungen mit ungarischen Gangstern und rumänischen Dealern, Verletzungen, menschliche Enttäuschungen, ein im Drogenrausch geträumtes Gespräch mit Bob Dylan im Vorzimmer der Hölle, das wie eine heruntergekommene Kneipe aussieht – Benedict Wells zieht alle Register, wechselt dazwischen die Erzählperspektiven, schweift dabei aber nie ins Belanglose ab. Überhaupt ist es unglaublich, mit welch leichter Hand der Autor Sätze von einer solchen Tiefe schreibt, dass sie zwar manchmal haarscharf an Allgemeinplätzen vorbeizuschrammen scheinen, aber einem immer einen Spiegel vor das eigene Leben halten; Sätze, die einen bewegen, nachdenklich machen und von Zeit zu Zeit eine Gänsehaut beim Lesen auslösen.

Und was wird schließlich aus Beck, aus Rauli, Charlie und aus Lara? Natürlich möchte ich das Ende der Geschichte nicht verraten, aber sagen wir mal so: Es ist passend. Und ziemlich perfekt.

Ist das ganze jetzt eine Midlifecrisis-Geschichte, geschrieben von einem Vierundzwanzigjährigen? Vielleicht ein bisschen, aber eigentlich nicht, es ist viel mehr darin verborgen. Es geht um unsere Träume, unser Handeln und wie beides zusammen unser ganzes Leben bestimmt. Oder, um mit Robert Beck zu sprechen, „wenn ich mal alt bin, werde ich mir nichts kaufen können von meiner Rente. Jedenfalls nichts, was mich noch glücklich machen könnte, wenn ich im Rollstuhl sitze oder im Bett liege. Das einzige, was ich dann noch habe, sind meine Erinnerungen.“ 

Es gibt in diesem Buch so viele wahre Worte, die ich noch gerne zitieren würde, aber das würde den Rahmen eines Blogbeitrags mehr als sprengen. Der Roman zeigt auf eine eindrückliche Weise, das es kein Patentrezept für ein ausgefülltes Leben gibt. Aber offen zu sein für neue Möglichkeiten, rechts und links seines Weges zu schauen und nicht mit selbst konstruierten Scheuklappen seine Tage einfach nur geradlinig zu verbringen, das hilft auf jeden Fall dabei. Und jetzt muss ich doch noch einmal Robert Becks Worte benutzen, der das einfach besser ausdrücken kann: „Unsere Existenz ist ein ganzer Kosmos von Nichtwissen. Im Grunde haben wir ein Scheißleben, denn der Tod ist das Ende, und das Ende ist dadurch immer schlecht. Alles, was wir tun können, ist, zu verdrängen und zu hoffen, dass es irgendwie doch nicht so schlimm ist. Unsere Aufgabe kann nur sein, unser Nichtwissen zu verleugnen. Wir müssen es vergessen, um nicht durchzudrehen. Wir müssen loslassen. Wir müssen uns dem Leben hingeben, uns ihm schutzlos ausliefern, um nicht verrückt zu werden.“ 

Buchinformationen
Benedict Wells, Becks letzter Sommer
Diogenes Taschenbuch
ISBN 978-3-257-24022-1 

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7 Kommentare

  1. Lieber Uwe,

    ich habe »Becks letzter Sommer« kürzlich zum zweiten Mal gelesen und bin erneut begeistert von diesem Buch. Eigentlich wollte ich mir den verfilmten Romanstoff im Kino anschauen, hab’s aber nicht rechtzeitig geschafft. Und dann lief er nur noch zu unmöglichen Zeiten. Also bin ich beim Buch geblieben. Welch‘ Glück! Und wirklich bewundernswert, was der junge Autor niedergeschrieben hat.

    Tolle Besprechung, die mir aus dem Herzen spricht! Bob Dylan hab ich hinter Herrn Zimmerman nicht ganz entdeckt, hatte nur eine vage Vorstellung. Aber jetzt, wo du es sagst, bzw. schreibst, klar! Ich lasse ihn in meiner Besprechung aber bei Herrn Zimmerman, mögen die anderen das Rätsel selbst lösen. 😉 Die Rezension folgt heute oder morgen. Meine zweite Besprechung zu diesem Buch übrigens. Ja, so kann es gehen, wenn man sich für ein Buch immer wieder begeistert.

    Liebe Grüße
    Klappentexterin

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  3. Hallo Kaffeehaussitzer,

    mich hat das Buch bisher nicht interessiert, weil mir der Autor zu jung war. Ja, ich weiß, dass das nichts zu sagen hat. Aber auf einem Foto hat er halt noch zu rotzlöfflig ausgeschaut. Egal, deine Rezension hat mein Interesse geweckt.Vielen Dank dafür!
    Für meinen Geschmack erzählst Du zuviel, es ist schon eher eine Inhaltsangabe, als ein Appetitanreger.
    Viele Grüße aus München
    Birgit

    • Hallo Birgit,
      ja, ich konnte mich nicht bremsen. Wobei ich mir immer Mühe gebe, keine entscheidenden Punkte der Handlung zu verraten – und davon gibt es noch etliche, von denen ich nichts berichtet habe. Falls Du das Buch lesen solltest, wäre ich gespannt, ob es Dir gefallen hat. Und mir ging es ähnlich mit dem Alter des Autors – aber das vergisst man beim Lesen ziemlich schnell.
      Viele Grüße
      Uwe

  4. Pingback: [Literaturplausch] #24

  5. Lieber Uwe,

    das wäre, jedenfalls nach Deiner Rezension zu urteilen, ganz sicher ein Buch für mich – wenn ich nicht schon soooo viele Büchr hier liegen hätte,die alle nach mir verlangen. Kommt also auf die Liste.

    Ach, und weil da immer so viel von früher war alles besser (z.B. das Aten) die Rede zu sein scheint: die Cover-Illustrationen bei Diogenes waren früher tatsächlich besser. Und auch die Abkehr vom klassischen Diogenes-Cover-Design, weiss, Bild in Rahmen, Autor und Titel darunter, tut der Sache nicht wirklich gut.

    Liebe Grüsse
    Kai

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