Das Gesicht des Krieges

Arturo Pérez-Reverte: Der Schlachtenmaler

Es ist eigentlich seltsam, dass ich bisher noch keines der Bücher von Arturo Pérez-Reverte vorgestellt habe, zählt er doch zu meinen Lieblingsautoren. So unterschiedlich die Themen seiner Romane sind, ist doch jedes ein kleines Sprachkunstwerk für sich. Und auch als ich jetzt „Der Schlachtenmaler“ gelesen habe, wurde ich nicht enttäuscht. Der Schlachtenmaler heißt Andrés Faulques und ist eigentlich Photograph. Kriegsphotograph, um genau zu sein, und zwar einer der besten seines Faches. Faulques‘ Bilder wurden über dreißig Jahre in den wichtigen Magazinen der Weltpresse veröffentlicht; wenn es irgendwo einen Konflikt gab, war er dabei. Nicht am Rande, sondern mittendrin.

Zypern, Vietnam, Libanon, Kambodscha, Eritrea, El Salvador, Nicaragua, Angola, Mosambik, Tschad, Somalia, Ruanda, Bosnien und der Balkan – immer, wenn sich Menschen gegenseitig massakrierten, hielt er dies mit seiner Kamera fest. Seine Begleiterin und Geliebte Olvido Ferrara charakterisierte ihn mit passenden Worten: „Ich habe beobachtet, wie du dich vorsichtig wie ein Jäger durch die Katastrophen bewegst, so zuverlässig, so sicher bei allem, was du tust und nicht tust, so verschwiegen wie ein alter Soldat. Wie du jedes Foto mit den Augen vorbereitest, bevor du dich in Bewegung setzt, und wie du in Zehntelsekunden einschätzt, ob es sich lohnt oder nicht.“ Ein Einzelgänger, der mit seinem Photoapparat über die Schlachtfelder der Welt zieht, ein Getriebener, besessen von dem Gedanken, das Wesen des Krieges einzufangen und zu verstehen. Immer unterwegs, immer alleine. Bis er jene Olvido Ferrara trifft, Tochter einer italienischen Galeristendynastie, die ebenfalls ruhelos um die Welt zieht. Sie werden ein Paar und sie begleitet ihn mit ihrer eigenen Kamera.

Das alles ist vorbei. Zu Beginn des Buches treffen wir Faulques als einsamen Menschen. Er photographiert nicht mehr, hat sich in einem mittelalterlichen, notdürftig restaurierten Wachturm an einer spanischen Steilküste einquartiert und ist mit einem gigantischen Projekt beschäftigt: Im Innern des kreisrunden Gebäudes entsteht ein riesiges Wandgemälde, das monströse Bild einer gewaltigen Schlacht. Denn nachdem er es mit seinen Photos nicht geschafft hatte, einen tieferen Sinn des Krieges zu ergründen – „er hatte die letzten Reste des Glaubens an das verloren, was das Objektiv anzeigte“ – beschäftigte er sich viele Monate mit den Schlachtengemälden der großen Meister, reaktivierte seine Kenntnisse eines längst vergangenen Kunststudiums und versucht es nun auf diese Weise. Es ist die Schlacht der Schlachten, alle Epochen vermischen sich, zahlreiche grausame Details machen das Bild zu einem beunruhigenden Panoptikum der Verwüstung. Über viele Jahre watete Faulques durch seinen Beruf, seine Berufung buchstäblich im Blut getöteter, verstümmelter und verletzter Menschen. Alle Dämonen der Erinnerung, die Faulques heimsuchen, fließen in dieses Bild, das am Anfang der Romanhandlung schon weit gediehen ist.

Doch es sind nicht nur die Erinnerungen, die ihn jagen, eines Tages wird die Bedrohung real. Dann wird Faulques einsiedlerisches Tun durch einen Fremden gestört, der plötzlich vor dem Turm steht. Ein Mann namens Ivo Markovic. Er ist Kroate und schon seit zehn Jahren auf der Suche nach Faulques. Oder vielmehr auf der Jagd. Denn der Photograph hat sein Leben zerstört, indem er ein Porträtphoto von ihm schoss, im Vorbeigehen, als seine geschlagene kroatische Einheit an Faulques vorüberwankte. Er drückte instinktiv auf den Auslöser und machte damit Markovic zum Gesicht des Balkankriegs, erschöpft, unrasiert, mit tiefliegenden Augen, eingefallenen Wangen, die personifizierte Niederlage. Dieses spontane Photo wurde weltberühmt und hatte dadurch fatale Folgen für den Photographierten, der durch das Bild aus der Masse anonymer Soldaten herausgeholt wurde. Der jetzt vor dem Turm steht, um zu verstehen, was einen Photograpen dazu bewegt, den Krieg abzulichten. Und um Faulques zu töten.

Die beiden Männer unterhalten sich. Tagelang. Wochenlang. Erinnerungen werden geweckt, Gedächtnisschnipsel blinken auf, die nicht an blutigen Details sparen. Und nach und nach erfährt der Leser beider Lebens- und Leidensgeschichten, liest über beider Tragödien und versteht, warum das Schicksal Faulques und Markovic genau zu diesem Turm geführt hat.Während sich die Ereignisse der Vergangenheit nach und nach abzuspulen beginnen, beschreibt der Autor immer wieder die photographischen Meisterwerke Faulques. Und zwar so detailliert und perfekt, dass man meint die Bilder vor sich zu sehen. Dass man das Gefühl hat, man würde das Werk eines Robert Capa oder eines James Nachtwey betrachten und nicht die erfundenen Photos eines erfundenen Photographen nur in der eigenen Vorstellung vor sich haben.

Eine ebenso wichtige Rolle spielt das Bild an der kreisrunden Turmwand, das apokalyptische Schlachtengemälde, in dem antike Heerschaaren, mittelalterliche Söldnerhorden und moderne Armeen aufeinander treffen. Überall Zerstörung, sterbende Männer, Frauen, Kinder und über allem ein gigantischer Vulkan, der gerade ausbricht und das Geschehen in ein düsteres Licht taucht. Es ist, als ob die Ölbilder der großen Meister vergangener Jahrhunderte mit den Erlebnissen eines ausgebrannten Kriegsphotographen verschmelzen würden. „Von den Schlachtengalerien im Escorial und in Versailles bis zu manchen Wandgemälden Riveras oder Orozcos, von griechischen Gefäßen bis zum Schlachtbild in Molino de los Frailes, von den Fachbüchern bis zu den Werken in europäischen und amerikanischen Museen hatte Faulques mit dem besonderen Blick, den die drei Jahrzehnte dauernde Jagd auf Kriegsbilder geprägt hatte, eine Rückschau auf sechsundzwanzig Jahrhunderte Kriegsdarstellungen gehalten. Dieses Wandbild war das Endergebnis von alledem.“

Pérez-Reverte setzt uns dieses Wandgemälde so intensiv in den Kopf, als stünden wir tatsächlich schaudernd davor, beschreibt Maltechniken, Sichtachsen, grausige Details. Und die nahezu therapeutische Wirkung, die das Bild auf den Maler hat. Denn nachdem Faulques es nicht mit seiner Kamera geschafft hat, zum Wesen des Krieges vorzudringen, ist er mit seinem Schlachtengemälde auf dem besten Wege dorthin.

Und so geht es in den langen Gesprächen zwischen dem Maler und dem ehemaligen Soldaten um die große Macht der Bilder, um die Wahrhaftigkeit der Darstellung, um Glaubwürdigkeit. Um das Verstehen, aber auch um die Teilnahmslosigkeit des Beobachters, des unbeteiligten Dritten mitten im großen Morden, um Einsamkeit und den Verlust der Liebe. „Reisen ohne Anfang und Ende, verwüstete Landschaften, Kriege, die sich von anderen Kriegen, Leute, die sich von anderen Leuten, Tote, die sich von anderen Toten nicht unterscheiden ließen. Zahllose Negative, von denen er sich an jedes hundertste, fünfhundertste, tausendste erinnerte. Und dieses hautnahe, unentrinnbare Grauen, das sich durch die Jahrhunderte und die Weltgeschichte fortsetzte, sich wie eine Flut zwischen zwei parallelen, ungeheuer langen und trostlosen Geraden ausdehnte. Die anschauliche Gewissheit, die alles Grauen zusammenfasste, vielleicht, weil es nur ein einziges, unwandelbares und ewiges Grauen gab.“

Letztendlich sind beide Männer Opfer des Krieges, doch sie gehen unterschiedlich damit um. Beide sind sie auf der Suche, der eine nach seiner Erlösung, der andere nach seiner Rache. Um mit sich selbst Frieden zu schließen. Wem von ihnen wird dies gelingen?

Buchinformation
Arturo Pérez-Reverte, Der Schlachtenmaler
Aus dem Spanischen von Ulrich Kunzmann
C. Bertelsmann Verlag
ISBN 978-3-357-000990-1
Das Buch ist leider nur noch antiquarisch erhältlich

4 Kommentare

  1. Ich danke dir auch für diese Rezension. Ich kannte den Autor gar nicht. Aber mir fällt auf, dass du oft Bücher liest, die meinen Nerv treffen und mich neugierig machen.

    • Es freut mich, wenn Du hier Leseanregungen findest. Und wenn Du das Buch lesen solltest bin ich gespannt auf Deine Meinung.

  2. Hallo Uwe,

    danke für diesen Beitrag. Ich schätze ebenfalls die Bücher von Arturo Pérez-Reverte sehr, war aber von seinem neuesten „Dreimal im Leben“ sehr enttäuscht. Ich finde nicht, dass es inhaltlich und stilistisch an seine Vorgänger heranreicht. Wie sagte ein Rezensent dazu: „Einmal hätte gereicht.“ Wie wahr!
    Aber „Der Schlachtenmaler“ kenne ich nicht. Ich werde es mir besorgen.

    Herzliche Grüße,
    Melanie

    • Hallo Melanie,

      „Dreimal im Leben“ kenne ich noch nicht, es steht ungelesen im Regal und ich bin jetzt sehr gespannt, wie es mir gefallen wird. Denn bisher hatte mich Pérez-Reverte noch nie enttäuscht. Besonders gerne mag ich die Bücher um den Capitán Alatriste. Da muss ich hier unbedingt noch etwas dazu schreiben…
      Beste Grüße

      Uwe

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