Abenteuergeschichten vom Feinsten

Arturo Perez-Reverte: Capitan Alatriste

Es ist höchste Zeit für diesen Beitrag, denn mit großem Schrecken musste ich feststellen, dass zwei meiner absoluten Lieblingsbücher nicht mehr lieferbar sind. Das ist mir völlig unverständlich, gehören doch „Alatriste“ und „Das Gold des Königs“ von Arturo Pérez-Reverte mit zum Besten, was historische Romane mit literarischem Anspruch zu bieten haben. Oder anders gesagt: Es sind Abenteuergeschichten vom Feinsten, die in einer Reihe stehen mit Werken der Weltliteratur wie Stevensons Schatzinsel oder Dumas‘ drei Musketieren.

Die beiden Bücher erzählen vom Leben des Diego Alatriste y Tenorio, genannt Capitán Alatriste, im Spanien der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Es sind mehrere einzelne Episoden die miteinander verknüpft sind und hineinführen in ein Imperium im Niedergang. Denn das riesige spanische Weltreich war zu diesem Zeitpunkt schon mehr als angeschlagen: Durch die sagenhaften Reichtümer, die mit der Ausplünderung der südamerikanischen Kolonien ins Land strömten, war die herrschende Elite der völligen Dekadenz verfallen, während das einfache Volk darbte. Weiter ausgelaugt wurde das Land durch den Unterhalt einer großen Armee – die nötig war, da feindliche Mächte das spanische Reich in Europa von allen Seiten bedrängten. Zu Wasser war durch die Niederlage der spanischen Armada – und durch die endgültige Vernichtung der spanischen Flotte wenige Jahre später – England bereits die aufsteigende Großmacht. Zu Lande konnte das spanische Heer die Gegner noch auf Abstand halten – galt die spanische Infanterie schließlich als die beste ihrer Zeit. Und Capitán Alatriste war einer dieser Soldaten.

Ein Kämpfer durch und durch, doch als wir ihn kennenlernen, ist er aus dem aktiven Dienst ausgeschieden. In ärmlichen Verhältnissen lebend, streift er in zerschlissener Kleidung und löchrigen Stiefeln durch Madrid. Narbenübersät, arm, hungrig. Und des Kämpfens müde. Da er aber nichts anderes kann, ist es ihm nur möglich, mit Hilfe seines Degens für seinen Lebensunterhalt zu sorgen und Aufträge anzunehmen, die uns heute wohl moralisch fragwürdig erscheinen würden. Doch im Madrid und Spanien Alatristes zählte ein Leben nicht viel.

Ihm und den anderen Veteranen, mit denen er seine Tage verbringt, ist nur eines geblieben, was unter allen Umständen gegen jeden scheelen Blick, gegen jede beleidigende Bemerkung verteidigt werden muss: Ihre Ehre. Mag die Kleidung noch so löchrig sein, die Degen sind stets poliert und werden schnell gezogen, wenn der eigene Stolz verletzt wird. Denn letztendlich haben Alatriste und die anderen ansonsten nichts, für das es sich zu leben lohnt. Ein Leben, bei dem niemand morgens weiß, ob er den Abend noch erleben wird.

Erzählt werden uns die Geschichten um Capitán Alatriste – wobei „Capitán“ ein Spitzname ist, kein echter Titel – von Íñigo de Balboa, Sohn eines engen Freundes von Alatriste, der nach dem Tod des Vaters in Flandern beim Capitán als Page aufwächst.

Flandern. Dieser Landstrich ist das Trauma des spanischen Reiches. Über acht Jahrzehnte tobte dort der Unabhängigkeitskampf der spanischen Niederlande, ein ruhmreiches spanisches Regiment nach dem anderen ging in der trostlosen Weite der flandrischen Landschaft unter. Alatriste erinnert sich an eine bleiche Sonne über einem nassen Land, in dem die Feuchtigkeit überall hineinkriecht. Es war ein Kampf, den Spanien nicht gewinnen konnte, der Abfall der Niederlande war einer der wichtigsten Sargnägel des spanischen Weltreiches. Ein Krieg, der das Leben Alatristes mehr als geprägt hat, der in beiden Büchern eine wichtige Rolle spielt und den wir als Leser zusammen mit dem Helden dieser Geschichten hautnah erleben werden.

Und wir lernen viele weitere Personen kennen, mit denen diese Abenteuer bevölkert sind. Da ist Gualterio Malatesta, ein sizilianischer Söldner, der finstere Gegenspieler und Erzfeind Alastristes. Oder die schöne María de Castro, Schauspielerin und begehrteste Frau Spaniens, Alastristes unerreichbare Geliebte. Unerreichbar vor allem deshalb, weil es für die beiden nie den richtigen Zeitpunkt zu geben scheint. Oder die intrigante Angélica de Alquézar, die Alatristes Ziehsohn Íñigo das Herz gebrochen hat, der ihr aber mit Haut und Haaren verfallen ist. Der Conde de Guadalmedina, einer der wenigen einflussreichen Fürsprecher Alatristes, nachdem er ihm einmal das Leben gerettet hat. Oder Emilio Bocanegra, Dominikanermönch und fanatischer Vorsitzender des Inquisitonstribunals, der im Hintergrund seine Ränke schmiedet.

Aber auch historische Persönlichkeiten treten auf. Wie etwa der spanische Dichter Francisco de Quevedo, der als als enger Freund des Capitáns dargestellt wird. Der Graf von Olivares, einer der einflussreichsten Minister des spanischen Königs Philipp IV. Und der König selbst, manchmal zwischen all den höfischen Intrigen nur schemenhaft erkennbar, aber immer direkt oder indirekt das Schicksal Alatristes und Íñigos bestimmend; wie der Mittelpunkt eines Universums, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Es ist alles da: Ein tragischer Held, ein finsterer Gegner, eine unerreichbare Frau, Intrigen, Verschwörungen, Geheimaufträge, Verrat, Scheitern, Tragik, ein spannender historischer Hintergrund und ein roter Faden in den Episoden, der sich durch alle Irrungen und Wirrungen hindurch erst langsam herauszuschälen beginnt. Aber was genau macht diese beiden Bücher für mich so besonders?

Der Autor Arturo Pérez-Reverte hat mit ihnen nicht einfach nur historische Romane geschrieben. Er zeigt Menschen, die in den Standeshierachien und gesellschaftlichen Regeln ihrer Zeit gefangen sind. Die versuchen, daraus auszubrechen und letztendlich daran scheitern, auch nur scheitern können. Gleichzeitig strahlt Alatriste wie selten ein Romanheld die Melancholie einer untergehenden Epoche aus, verkörpert das Ende einer Zeit, die ihn prägt und die dabei ist, sich aufzulösen und zu vergehen. Dies schafft der Autor vor allem durch eine Sprache, die mit jedem Satz eben jene Melancholie so wunderbar zum Ausdruck bringt.

Und deswegen gehören die beiden Bände zu meinen Lieblingsbüchern. Ein Wermutstropfen war schon immer, dass sie nur als Taschenbuchausgaben erhältlich waren. Dass es sie jetzt gar nicht mehr gibt, empfinde ich als einen herben Verlust – aber vielleicht wäre das ein Prachtband-Projekt für einen anderen Verlag? Etwa für die Edition Büchergilde? Falls dafür ein Herausgeber gebraucht würde – ich würde sofort ehrenamtlich dafür zur Verfügung stehen, denn die Geschichten um den Capitán Diego Alatriste sollte man auch in Zukunft noch lesen können. Unbedingt.

Bücherinformationen
Arturo Pérez-Reverte, Alatriste
Aus dem Spanischen von Ulrich Kunzmann
btb Verlag
ISBN 978-3-442-73354-5 

Arturo Pérez-Reverte, Das Gold des Königs
Aus dem Spanischen von Ulrich Kunzmann
btb Verlag
ISBN 978-3-442-73431-3

Leider sind die Bücher nicht mehr lieferbar, was sich hoffentlich wieder ändern wird. 
Doch bei booklooker.de oder AbeBooks.de wird man vielleicht fündig.

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