Die Blinde und der Gehorsame

Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen

Wenn auf dem Umschlag eines Buches ein Schwarzweiß-Photo abgebildet ist, werde ich immer aufmerksam; in meinem Fall haben die Marketingmenschen der Verlage damit alles richtig gemacht. So ging es mir auch bei „Alles Licht, das wir nicht sehen“ von Anthony Doerr. Gesehen, für interessant befunden, gekauft, obwohl ich noch nie etwas von diesem Autor gehört hatte. Kurz darauf dann die Nachricht, dass er für dieses Buch den Pulitzer-Preis für Belletristik erhalten hat und umso gespannter war ich dann auf die Lektüre.

Im Zentrum der Handlung steht die französische Stadt Saint-Malo in der Bretagne, mit einer wuchtigen Festung direkt am Meer gelegen. Oder besser gesagt, im Mittelpunkt steht die Bombardierung und fast völlige Zerstörung der alten, stolzen Korsarenstadt am 7. August 1944. Denn an diesem Tag laufen alle Fäden der Romanhandlung in einem Strudel der Vernichtung zusammen; „vierzig Bomben pro Flugzeug, vierhundertachtzig insgesamt, zweiundreißigtausendfünfhundert Kilogramm Sprengstoff. Eine Lawine geht auf die Stadt nieder. Ein Orkan. Tassen treiben aus Regalen, Bilder springen von ihren Nägeln. Das Donnern ist laut genug, um Trommelfelle platzen zu lassen.“ Und mitten in diesem Inferno, mit dem der Roman beginnt, treffen wir auf die beiden Hauptfiguren. Die blinde Marie-Laure, ein siebzehnjähriges französisches Mädchen und den zwanzigjährigen Werner, einen deutschen Wehrmachtssoldaten und Funkspezialisten.

Nach dem dramatischen Einstieg springt die Handlung weit zurück und nach und nach erfahren wir, wie die Wege der beiden sie zu genau diesem Zeitpunkt an diesen Ort geführt haben. Marie-Laure, die in Paris lebt und ohne Mutter aufwuchs, wurde mit sechs Jahren blind. Nur der aufopfernden Fürsorge ihres Vaters hatte sie es zu verdanken, nicht völlig in der Verzweiflung zu versinken. Die Beschreibung ihrer Blindheit gehört mit zu den stärksten Passagen des Buches; zwar schreibt ein Sehender über die ständige Dunkelheit , aber das auf so eindrückliche Weise, dass man als Leser unwillkürlich zusammen mit Marie-Laure die Straßenecken mitzuzählen beginnt, denn „die Augen zu schließen, sagt dir kaum etwas über das Blindsein. Unter der Welt des Himmels, der Gesichter und der Häuser gibt es eine rohe, ältere Wirklichkeit, einen Ort, an dem die Oberflächen zerfallen und die Geräusche in Schwärmen durch die Luft schweben.“ Als der Zweite Weltkrieg ausbricht und die Wehrmacht Frankreich überrennt, verlassen Marie-Laure und ihr Vater Paris und fliehen zu Verwandten nach Saint-Malo.

Werner ist ein Waisenkind, der zusammen mit seiner Schwester Jutta in einem Heim in Essen lebt. Ein trostloses Leben, voller Armut und Mangel. Irgendwann finden die beiden ein kaputtes Radio und Werner gelingt es nach vielen Versuchen, es wieder zum Laufen zu bringen. Es entwickelt sich daraus seine außerordentliche Begabung für Radiogeräte, Funkfrequenzen, für Mathematik und Trigonometrie und Werner ist gebannt von der Welt, die er im Äther entdeckt. Und die sich nach 1933 stark verändert. Sein Talent spricht sich herum, „das Radio bindet Millionen von Ohren an einen einzigen Mund. Aus den Lautsprechern wächst die Stakkatostimme des Reichs wie ein unerschütterlicher Baum, und die Untertanen beugen sich zu seinen Ästen hin, als wären es die Lippen Gottes. Und wenn Gott aufhört zu flüstern, suchen sie verzweifelt nach jemandem der den Defekt zu reparieren weiß.“ Schon bald werden die braunen Machthaber auf ihn aufmerksam und schicken ihn in eine Nazi-Eliteschule, eine Napola. Seine Schwester Jutta ist strikt dagegen, sie beginnt bereits zu ahnen, in welche Dunkelheit das deutsche Volk gerade blindlings hineinmarschiert. Aber für Werner ist es die große Chance, aus dem Elend des Waisenhauses hinauszukommen.

Er wird zu einem Funker ausgebildet, der mit einer neuartigen, mathematischen Methode Funkfrequenzen versteckter Sender finden kann. Es dauert nicht lange, bis er sich an der Front in Russland wiederfindet, in einer Einheit, die Partisanensender aufspürt und vernichtet. Umgeben von Blut und Tod weigert sich Werner, über den Sinn dessen nachzudenken, was er tut. Befehl ist eben Befehl. Dann entsteht 1944 durch die alliierte Invasion eine neue Front in Frankreich und Werners Einheit wird dorthin beordert, um die französische Résistance ebenso erfolgreich zu bekämpfen. Sie machen sich auf den Weg nach Saint-Malo.

Der Autor lässt die beiden Erzählstränge parallel nebeneinander laufen, die Kapitel sind stets nur zwei bis drei Seiten lang, so dass der Leser ständig hin- und herspringt. Diese Erzähltechnik führt zu einem gelungenen Spannungsaufbau, da man zwar schnell und ständig die Perspektive wechselt, die Geschichte sich aber langsam zu entwickeln beginnt. Und wir wissen, wo sie enden wird. Aber nicht wie. Bis wir in der Echtzeit angekommen sind, die Situation zu Beginn des Buches, im Bombenhagel, mitten in einer brennenden Stadt, deren Häuser in sich zusammenbrechen. Und dann, endlich, laufen alle Fäden zusammen.

Und das sind eine ganze Menge. Da ist der Vater Marie-Laures, ein Angestellter des Muséums National d’Histoire Naturelle in Paris, der bei seiner Flucht nach Saint-Malo auch einen speziellen Auftrag seines Museums ausführt. Da ist Etienne, der Großonkel Marie-Laures, in dessen Haus sie wohnen, ein vom Ersten Weltkrieg traumatisierter Mann, der niemals nach draußen geht, aber über seine riesige Radiosammlung mit der Welt Kontakt hält. Da ist Etiennes Mutter, Madame Manec, die zusammen mit anderen beherzten Frauen Saint-Malos anfängt, der deutschen Besatzung Widerstand zu leisten. Zuerst kleine Nadelstiche nur, aber aus dem anfänglichen Spiel kann jederzeit tödlicher Ernst werden. Und da ist Stabsfeldwebel Reinhold von Rumpel, gelernter Diamantenschleifer und Nazi-Schatzjäger, der für seine Befehlsherren Kunstsammlungen und Museen in ganz Europa nach wertvollen Edelsteinen durchkämmt, effizient und auf eine kalte Weise brutal. Seine Suche wird ihn ebenfalls nach Saint-Malo führen.

Aus diesen und weiteren Handlungssträngen hat der Autor eine spannende Geschichte gewebt. Wobei konstruiert das bessere Wort wäre, denn manchmal wirkt alles etwas zu künstlich, der Spannungsbogen zwar in bester Creative-Writing-Manier aufgebaut, aber doch mit der ein oder anderen Logiklücke. Das macht sich auch in der Hintergrundatmosphäre bemerkbar, die an vielen Stellen den Eindruck erweckt, als hätte der Autor beim Schreiben einen Steven-Spielberg-Film vor Augen gehabt. Das Waisenhaus etwa steht auf dem Gelände der Zeche Zollverein. Gab es auf diesem berühmten Zechengelände jemals ein Waisenhaus? Ich weiß es nicht, aber den Namen kennt man eben und das Ambiente ist einfach zu perfekt für ein Deutschlandklischee der Zwanziger- und Dreißigerjahre: „Der Zechenkomplex liegt wie ein schwelender schwarzer Gebirgszug hinter ihm. Selbst jetzt kann Werner das mechanische Wummern in der Ferne hören. Die erste Schicht steigt in die Körbe, während die Eulenschicht nach oben kommt. All die Jungen mit den müden Augen und den rußverschmierten Gesichtern fahren mit den Aufzügen nach oben zur Sonne, und einen Augenblick lang nimmt er eine riesige schreckliche Präsenz war, die hinter diesem Morgen lauert.“

Über solche Details bin ich beim Lesen gestolpert, auch über historische Ungenauigkeiten. So gab es in der Wehrmacht sicherlich keine Reichswehrmäntel mehr, ein Fauxpas, den ein gutes Lektorat bemerken müsste. Aber trotzdem ist es ein lesenswertes Buch mit einer Geschichte, die mitreisst, in einer Sprache, die immer wieder großartige Bilder hervorbringt. Aber der Pulitzer-Preis für Belletristik? Der das Buch in eine Reihe stellt mit Werken von Hemingway, Faulkner, Cheever und McCarthy? Das hat mich dann doch etwas überrascht.

Buchinformationen
Anthony Doerr, Alles Licht, das wir nicht sehen
Aus dem Amerikanischen von Werner Löcher-Lawrence
Verlag C.H.Beck
ISBN 978-3-406-66751-0

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3 Kommentare

  1. Warum ich diese Rezension so interessant finde? Weil ich dieses Buch 100 % unkritisch gelesen habe. Ich habe mich an dieser Prosa betrunken. Die literarische Brille hatte ich ausgezogen. Da ich jemand bin, der manche Bücher mehrmals liest, werde ich irgendwann Gelegenheit habe, Alles Licht, das wir nicht sehen, von der in der Rezension dargelegten Seite aus zu lesen. Darauf freue ich mich.
    Raya Mann

  2. Tolle Rezension! Sie hat sehr genau in Worte gefasst, was ich insgeheim bei dem Buch befürchtet hatte, und bewegt mich schlussendlich für den Moment dazu, es erstmal nicht zu lesen. Was aber auch daran liegt, dass mein SUB unübersichtliche Ausmaße anzunehmen beginnt und ich mir geschworen habe, nur noch wirklich gezielt zu kaufen. Meine amerikanische Freundin hatte es mir sehr empfohlen. Ich stelle mir vor, dass es, wie Du erwähnst, in bester creative writing manier, einen wirklich durchzieht, entertaint und somit für mich ein bisschen klingt wie die perfekte Urlaubslektüre. Das ging mir bei dem Buch „Die Interessanten“ von Meg Wolitzer übrigens manchmal ähnlich. Beim Lesen konnte ich mir die Karteikärtchen vorstellen, auf denen die Autorin die Kapitel skizziert und somit eine Geschichte konstruiert, die zu weiten Teilen mitreißt und begeistert, aber irgendwo fehlt der authentische letzte Funken, der dazu führt, dass ich mich in meinem Innersten angesprochen fühle. Liebe Grüße und einen schönen Wochenanfang Dir Susanne

    • Vielen Dank für das Lob, es freut mich sehr. Es hat schon Spaß gemacht, das Buch zu lesen, es ist spannend und, wie Du sagst, es wäre eine perfekte Urlaubslektüre. Und die Geschichte wird mir sicherlich auch im Gedächtnis bleiben. Aber insgesamt hatte ich mir etwas mehr erhofft. Einen komponierten Roman, keinen konstruierten. Liebe Grüße, Uwe

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