Leipzig, im Herbst

1813Schon wieder Leipzig. Diese Stadt erwähne ich oft, dabei habe ich dort nur vier Jahre gelebt. Aber in dieser Zeit ist sie mir ans Herz gewachsen, bis heute. Damals wohnte ich eine Weile im Stadtteil Stötteritz in einem unsanierten Altbau. Der schönste Platz in der Wohnung war der verglaste Balkon. Direkt davor, nur ein paar hundert Meter entfernt, thronte das Völkerschlachtdenkmal wie ein gewaltiger Steinklotz über den Dächern der Stadt. Ich saß dort oft mit einem Milchkaffee und schaute auf diese Szenerie.

Als geschichtlich Interessierter wusste ich, was es mit der Völkerschlacht auf sich hatte, habe mir aber bis vor Kurzem keine weiteren Gedanken über die damaligen Ereignisse gemacht. Mit dem Buch „1813“ von Andreas Platthaus hat sich das geändert. „Die Völkerschlacht und das Ende der alten Welt“ lautet der Untertitel: Wie wichtig für den Lauf der europäischen Geschichte die Geschehnisse waren, die sich vor exakt 200 Jahren um und in Leipzig abspielten, ist mir durch dieses Buch klar geworden. Der Autor zeigt, wie alles auf Messers Schneide stand: Napoleon war nach seinem verheerenden Russland-Feldzug im Jahr zuvor zwar geschlagen, aber noch nicht besiegt. Er hatte eine neue Armee aufgestellt, um seine europäischen Eroberungen zu behaupten, die Verbündeten Österreich, Preußen und Russland stellten sich ihm entgegen. Nach anfänglichen Erfolgen Napoleons kam es bei Leipzig zur Entscheidung. Der französische Kaiser hatte die Stadt und deren Umgebung als Quartier für sein großes Heer gewählt, da es sich um eine wohlhabende Region handelte, die seine Soldaten aus Frankreich, Sachsen und den Rheinbundstaaten verpflegen und versorgen sollte – ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Die alliierten Armeen begannen, sich von Norden, Osten und Süden Leipzig zu nähern. Nur nicht von Westen. Der Autor vertritt die These, dass Napoleon absichtlich ein Schlupfloch gelassen wurde, um sich zurückziehen zu können, statt bis zum Äußersten zu kämpfen. Weil dies sicherlich noch viel verheerender gewesen wäre.

Am Morgen des 16. Oktober beginnt die Schlacht. Sie wird bis zum 19. Oktober dauern, 90.000 Menschen das Leben kosten, die Gegend rund um Leipzig verwüsten und die Stadt stark in Mitleidenschaft ziehen. Im Buch erleben wir minutiös, wie sich der Ring um Leipzig immer enger zieht, wie sich die alliierten Truppen immer näher an die Stadt herankämpfen. Napoleons Lage ist am Ende aussichtslos, er flieht, nicht ohne vorher eine letzte Brücke sprengen zu lassen und damit 20.000 seiner Soldaten abzuschneiden. Leipzig wird beschossen, zum Teil stark beschädigt und gestürmt. Das klingt nach emotionsloser Geschichtsschreibung. Ist es aber nicht. Der Autor beschreibt ebenso ausführlich etwa die Situation der Verwundeten. Und das ist schwer verdaulich. Viele mussten tagelang in Schlamm, Kälte und Regen auf dem Schlachtfeld liegen. Andere wurden in die Stadt gebracht, aber mangels Räumlichkeiten auf Straßen und Plätzen abgelegt. Auf dem Marktplatz wurde amputiert, überall das Stöhnen der Sterbenden und Verwundeten, Blutlachen, ein Bild wie aus der Hölle. Die gesamte Stadt wurde „das größte Lazarett der Welt.“ Der Marktplatz des heutigen Leipzig sieht an vielen Stellen noch genauso aus wie damals, man kann sich aber die damaligen Szenen auch nicht annähernd vorstellen. Ein sehr eindrucksvolles Buch, das nichts beschönigt.

Es werden zahlreiche Nebenaspekte berücksichtigt. Der Verleger Brockhaus erhält eine Nachrichten-Drucklizenz und legt mit der Völkerschlacht den Grundstein für sein Medienimperium. Goethe, der Zeit seines Lebens von Napoleon hin- und hergerissen war, weigert sich, die Geschehnisse zu kommentieren. Eine englische Rocketeer-Brigade, die vor Leipzig zum ersten Mal Raketen als Geschosse einsetzt. Die ausgehungerten Bewohner der Stadt, die erst die Schlacht von Türmen aus beobachten und dann zunehmend selbst unter Beschuss genommen werden. Der sächsische König, der in Gefangenschaft gerät. Und vieles, vieles mehr. Ein Schaufenster in eine längst vergangene Zeit, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind. Ein Geschichtsbuch voller Geschichten. Erschütternd und spannend zugleich.

Das letzte Kapitel des Buches ist eine Art Reiseführer: Es nimmt den Leser mit auf eine Tour rund um Leipzig zu allen Punkten, die damals eine wichtige Rolle spielten. Und beschreibt wie es heute dort aussieht. Vieles ist verschwunden, an manchen Orten scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Das wird ein Projekt für den nächsten Leipzig-Besuch. Bin gespannt.

Buchinformation
Andreas Platthaus, 1813
Rowohlt Berlin
ISBN 978-3-87134-749-8

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