Abgetaucht in der Lesearche

Abtauchen Vor ungefähr zwölf Jahren haben sich Freiburger Freunde einen Lebenstraum verwirklicht und sich einen Schwarzwald-Bauernhof gekauft. Ein wunderschönes Gebäude, ganz aus Holz und über 300 Jahre alt. Seitdem leben sie dort auf tausend Meter Höhe, etwas versteckt an einem Berghang gelegen, vermieten einfache Ferienwohnungen und betreiben ökologische Landwirtschaft mit einer Handvoll Kühen, Hühnern, Ziegen, Eseln und einer Katze. Für einen Stadtmenschen wie mich ist ein Besuch dort immer wie ein Ausflug in eine andere Welt, fast wie in einem Paralleluniversum. Keine Autogeräusche, nur der Wind in den Bäumen und das Rauschen des Baches, der die Turbine für die autarke Stromversorgung antreibt. Und absolut keinen Mobilfunkempfang. Ich bin dort immer unheimlich gerne, nur leider viel zu selten. Die letzten Tage habe ich wieder einmal in dieser schönen Abgeschiedenheit verbracht und diesmal war mein Besuch dort geprägt von intensiven Leseerlebnissen. Eine perfekte Kombination.

Das Wetter spielte wohl überall in Deutschland verrückt in der Vorosterwoche, aber im hoch gelegenen Teil des Schwarzwalds war es besonders wild. Orkanböen krachten Tag und Nacht gegen die massiven, jahrhundertealten Balken des Gebäudes; Regenschauer prasselten ununterbrochen auf das riesige Holzschindeldach. Die Wolken hingen in den Bäumen rings um den Hof, so dass man nicht weiter als ein paar Meter sehen konnte. Und eben Regen, Regen, Regen. Zwei Tage lang. Dann kam der Schneesturm. Innerhalb kürzester Zeit lag der Schnee zwanzig bis dreißig Zentimeter hoch, der nach wie vor starke Wind trieb die Schneeflocken fast waagrecht an dem Haus vorbei. Als Ortsunkundiger konnte man sich schnell vorstellen, von der Außenwelt abgeschnitten zu sein; in einer 300 Jahre alten, ächzenden und krachenden Arche durch Regen, Schnee und Sturm zu treiben. Eine Lesearche, in der ich vier Tage lang Zeit für meine mitgebrachten Bücher hatte. Besser als eine Woche Sonnenschein.

Die Bücher waren passend gewählt, sie hatten allesamt mit extremen Situationen, Abgeschiedenheit, Einsamkeit oder Verlassenheit zu tun. Und so saß ich in der großen Kachelofenstube des Hofes, sah vor den Fenstern das Unwetter toben und tauchte ab in meine Lektüren. Das waren sie, ausführliche Besprechungen werden folgen:

In „Kastelau“ von Charles Lewinsky versucht Ende 1944 ein Filmteam aus dem kriegszerstörten Berlin zu entkommen, indem es die Produktion eines Propagandastreifens durch einen Trick in einen abgelegenen Ort der Berchtesgadener Alpen verlegt und dort die Dreharbeiten immer weiter in die Länge zieht; misstrauisch beäugt vom linientreuen Bürgermeister. Dazu eine Geschichte von Verrat, einem möglichen Mord und einer Täuschung in der Täuschung – das alles in großartig kombinierten unterschiedlichen Erzählstilen und Zeitebenen.

In „Wald“ von Doris Knecht geht es um eine Frau aus Wien, die buchstäblich alles verloren hat, Beruf, Wohnung, Beziehung, Vermögen. Die jetzt in dem alten Vorarlberger Häuschen, eher einer Hütte, ihrer verstorbenen Tante wohnt und versucht, mit Hilfe von selbstangebautem und gestohlenem Gemüse zu überleben. Es ist die Suche nach der Antwort auf die Frage, was eigentlich ihr Leben ausmacht, bei der ihr Stolz auf der Strecke bleibt, nicht aber ihr Trotz. Größtenteils ein innerer Monolog mit vielen Rückblicken, in denen langsam klar wird, wie es so weit kommen konnte. Und mit einer vagen Hoffnung im völlig offenen Ende. Tolles Buch.

In „Settlers Creek“ hat mich der Autor Carl Nixon mit nach Neuseeland genommen. Aber nicht in das Postkartenneuseeland der atemberaubenden Landschaften, pittoresker Maori-Folklore und riesigen Schafherden auf grünen Wiesen. Sondern in ein Land, das von der Weltwirtschaftskrise gebeutelt ist, in ein Land mit der höchsten Selbstmordrate unter Jugendlichen in der westlichen Welt. Und in ein Land voller Gegensätze zwischen den Maori und den eingewanderten Weißen. Gegensätze, die in Verbindung mit den ersten beiden genannten Punkten zu einer emotionalen Explosion führen. Eine Ein-Mann-muss-tun-was-ein-Mann-tun-muss-Geschichte, düster, bitter und absolut mitreißend.

In „Der Grund“ von Anne von Canal verknüpft die Autorin die tragische Schiffskatastrophe der Ostseefähre Estonia mit der Lebensgeschichte eines Angehörigen des Stockholmer Großbürgertums. Der Zeit seines Lebens unter der Fuchtel seines patriarchischen Vaters steht, mal offensichtlich, mal subtil. Der versucht, dieser Bevormundung zu entkommen, seine große Liebe findet und eine Reihe falscher Entscheidungen trifft. Die wie Dominosteine eine Kettenreaktion auslösen, bis er letztendlich vor den Trümmern seiner Existenz steht. Ein hartes Buch, wunderbar erzählt in einer Sprache, die einen erst innehalten lässt, wenn die letzte Seite umgeblättert und das letzte Dominosteinchen gefallen ist.

Das waren also die vier Bücher, die ich sturmumtost und eingeschneit auf tausend Meter Höhe gelesen habe. In einem uralten Schwarzwaldbauernhof, umgeben von ächzendem Gebälk, dem Geruch von Holzfeuer und Stroh, auf Augenhöhe mit Wolken, die sich in den Berggipfeln ringsum verfangen hatten. Ein völliges Abtauchen in die Schilderungen tragischer Schicksale, die alle vier noch lange lange im Kopf nachhallen werden.

Dann, irgendwann, schien tatsächlich wieder die Sonne und die Welt um mich herum war immer noch da. Ich war wieder aufgetaucht.

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11 Kommentare

  1. Toller Bericht, der Grund habe ich auf meiner Wl notiert. Die übrigend Bücher klingen aber auch sehr verlockend.

  2. Das sieht ja toll aus dort! Stelle ich mir sehr gemütlich vor, dort ein paar schöne Lesetage zu verbringen … Kastelau will ich auch noch gelegentlich lesen, klingt alles sehr interessant, was ich bislang darüber las. Fröhliche Ostern!

  3. Wundervoller Beitrag!
    Danke fürs Teilhaben lassen! 🙂

    Wir wohnen ja auch im Wald und es hat hier auch das ein oder andere Ästchen vom Baum geholt, aber so wirklich wild war es nicht in Südhessen und Schnee hatten wir keinen.
    Ich kann aber gut verstehen, was Du meinst. Wenn wir hier im Winter eingeschneit in der Stille liegen, ist das ein ganz besonderer Zauber. Da verbringe ich auch ruhige, eingemummelte Tage vorm Kamin mit Katze und Tee und gehe nur raus zum Holz holen und Vögel füttern.

    Liebe Grüße und schönes Ostern,
    Mina

  4. Das ist atemberaubend spannend, wie du die echte Natur und die Inhalte deiner vier Romane miteinander verknüpfst. Freue mich auf die vollständigen Rezensionen! Von Carl Nixon will ich auch noch mehr lesen. Bin neugierig geworden auf „Settlers Creek“. Schöne Grüße

    • Das war meine Intention. Es freut mich ungemein, dass das dann auch so ankam, alleine schon deshalb vielen Dank für dein Feedback.

    • Ja, „Der Grund“ ist ein echtes Lesehighlight. Die Geschichte schwirrt nach wie vor in meinem Kopf, bald gibt es auch hier noch mehr dazu.

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